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von Axel Biesler

 

03.09.2010 - Axel Biesler
MEHR PRACHT UND HERRLICHKEIT

Ganz wundervollen Zeitvertreib boten die Rieslinge von der Nahe. Die Region stellte eine famose Phalanx exzellenter Großer Gewächse vor. Bei den trockenen Rieslingen hält sie ein Niveau, das in Deutschland seinesgleichen suchen dürfte. Nun hat die Nahe den Vorteil, ihre Weine aus einer großen Vielfalt unterschiedlichster Gesteinsformationen schöpfen zu können. Doch keine Schöpfung ohne Schöpfer. In unvergleichbarer Dichte sind hier Winzer am Werk, die höchste Ansprüche an sich und ihre Weine stellen. Alle 23 vorgestellten Gewächse habe ich mit Genuss probiert, manche davon mit allergrößtem. Zum Innehalten taugten sie allemal, derart vielgestaltig und energetisch gaben sie sich. Und das ist ein Glück für den Verkoster. Denn es sind jene Abwechslungen, die es braucht, um bei solch einer Mammut-Probe vital zu bleiben. Mein sensorisches Instrumentarium ist nicht übermenschlich, seine beste Arbeit verrichtet es am frühen Vormittag für etwa zwei bis drei Stunden. Weine, die danach über meinen Gaumen rollen, haben es vergleichsweise schwer. Neigen sie zudem noch zu einer gewissen Gleichförmigkeit, kommt schnell Langeweile auf. Die Weine vom Schlossgut Diel lassen sich getrost auch zu vorgerückter Stunde probieren. Pittermännchen, Goldloch und Burgberg sind drei klar unterscheidbare und dabei immens charakterstarke Rieslinge. Prinz Salm zeigte einen ebenso markanten wie pikanten Berg Roxheim. Zwischendurch sorgte Dönnhoffs Dellchen für exquisite Erfrischung. Der ewige Ruf nach reinem Wein, hier ist er nicht nur gehört, sondern auf beispiellose Art und Weise umgesetzt worden. Brillant! Ebenfalls eindrucksvoll gelungen, der Halenberg von Emrich-Schönleber. Reduce to the max, könnte das Motto dieses Weines sein: sagenhaft mineralisch. Wieder erstarkt, das Gut Hermannsberg mit einer momentan noch wild-hefewürzigen Kupfergrube, die jedoch alle Anlagen für eine große Zukunft mitbringt. Schäfer-Fröhlichs Felsenberg wiederum ist ein nachgerade vibrierender Riesling mit vorzüglicher Länge und Eleganz. Die Nahe 2009: Ein Labsal für den Gaumen und eine Ode an den trockenen Riesling.

31.08.2010 - Axel Biesler
PRACHT UND HERRLICHKEIT

Drei Weine, ein Weingut und eine Familie. Alle zusammen sind auch schuld daran, dass ich heuer bei den Verkostungen der Grossen Gewächse des VDP nicht so recht vorankommen wollte. Ein Glück war das, denn diese Weine hielten mich letztlich davon ab, innerhalb von zwei Tagen rund 370 Weine über meinen Gaumen zu schleudern. Was ohnehin nicht wirklich seriös zu schaffen ist. Nicht mal einen großen Teil probierte ich. Vielleicht waren es am Ende hundert, ich habe sie noch nicht gezählt. Und es interessiert mich auch nicht. Wichtig und wertvoll ist die Begeisterung, die manche Weine (weiß aus 2009 und rot aus 2008) in mir ausgelöst haben. Begeisterung, die mich davor bewahrte, mein Verkostungstempo zu forcieren. Hatte mich ein Wein einmal gefangen, wollte und konnte ich mich nicht mehr so schnell von ihm lösen. Zu reizvoll sein Duft, zu faszinierend sein Geschmack. Wie es sich für solcherart Erlebnisse gehört, bleiben sie am Ende selten, doch derart einzigartig und beeindruckend, dass man den Jahrgang 2009 schon jetzt zu einem großen in Deutschland zählen darf. Das trifft – und das ist durchaus überraschend – auch für manche Spätburgunder aus 2008 zu. Samt und sonders genial sind die Pinots vom Weingut Huber aus Malterdingen geraten, dessen Sommerhalde schon im letzten Jahr meine rote Rangliste anführte. Hier, so dachte ich damals, müsste jetzt ein Niveau erreicht sein, das zu toppen, eigentlich gar nicht mehr möglich ist. Hubers Weine aus 2008 belehrten mich nun eines besseren. „Es sind die schwierigen Jahre die uns liegen“, sagt Bernhard Huber und, dass es 2008 auf eine intensive Arbeit im Weinberg angekommen sei. Wer die konsequent durchgeführt hätte, konnte auch in diesem eher kühleren Jahr bestens ausgereifte Trauben mit feinster Säure ernten. Wer Bernhard Huber kennt, weiß, dass wenn er konsequent sagt, qualitätsvernarrt meint. Nun saß ich also wie gebannt vor Bienenberg, Schlossberg und Sommerhalde, verschenkte gutgelaunt meine Zeit und wurde mit Spätburgundern belohnt, wie sie mir in dieser Pracht und Herrlichkeit noch nie unter die Nase und auf den Gaumen gekommen sind. Grandios! Huber vermag es, bei seinen Pinot Noirs immer noch ein Quäntchen zuzulegen. Dabei – und das ist schier unglaublich – handelte es sich bei den Weinen um Fassproben, die erst zwei Tage vor der Verkostung gezogen wurden. „In den nächsten Tagen“, sagt Huber, „ist ein Hochdruckgebiet im Anmarsch, wenn es über uns steht, füllen wir ab.“ Die Wetterlage begünstigt das Absitzen feinster Schwebeteile und führt in der Folge zu ganz besonders brillanten Weinen. Denn Huber – doch auch das ist lang bekannt – verzichtet bei seinen großen Weinen auf jegliche(!) Filtration.

19.08.2010 - Axel Biesler
LÄCHELN

Herr H ist sicher schon achtzig und war immer so freundlich, meine Weinpakete bei sich zwischen zu parken. Über Jahre hinweg. Es landete ein Schein in meinem Briefkasten und ich, wenn ich wieder zuhause war, vor der Tür von Herrn H, um mein Paket abzuholen. Man sprach dann noch so über dies und das, bevor ich mich von dannen packte. Irgendwann stand ich wieder mit so einem Schein in meiner Hand bei Herrn H. Dass das wohl die letzte Kiste sei, die ich bei ihm abholen würde, sagte er. Herr H sah todkrank aus. Eine lange Zeit gabs dann keine Benachrichtigungen mehr in meinem Briefkasten – jedenfalls keine mehr, nach der ich mir meine Paketpost bei Herrn H abholen sollte. Neulich fand ich wieder so einen Zettel in meinem Briefkasten, mit dem Hinweis, dass sich mein Paket bei Herrn H befände. Geradewegs so, als würde mich Herr H zu sich heraufbitten. Ganz gut war mir dabei nicht zumute. Herr H öffnete gelassen seine Pforte, stützte sich auf seinen Rollator und lächelte. Bat mich in seinen schmalen Flur, soweit hinein in seine Privatsphäre wie niemals zuvor, erzählte, dass er das nicht noch einmal mit sich machen lassen würde, das hätte er jetzt auch schriftlich fixiert. Und doch, sagte er dann, er sei glücklich, weil ihm noch etwas Leben geschenkt worden sei.

07.08.2010 - Axel Biesler
METAPHERN ALS WÄHRUNG

„… Ich habe das Gefühl, mich inmitten der geheimnisvollen Traumwelten von Tolkiens 'Herr der Ringe' zu befinden, erspähe in der Ferne ein funkelndes Licht, während mich herrlichste Duftnebelschwaden umströmen…“ So beschreibt der Schweizer Thom Held den 2006er Deus ex Machina und vergibt 20 Punkte (Weinwisser 9/2009). Im Gernhardt'schen Sinne ein recht gelungener Pissfleck (siehe unten). Held ist von einem Wein berührt und bringt seine Faszination in einem Guss aufs Papier. Evokationen, die mit dem Geschmack des Weines vordergründig nichts zu tun haben mögen und dennoch seiner komplexen Struktur näher kommen als so manch dröger Aroma-Aufsatz. Freilich erzählen nur wenige Weine auch gute Geschichten, tun sie es aber, sollte man ihnen freien Lauf lassen – auch das in bester Gernhardt'scher Manier. Immer raus damit. Als Großmeister der Aromen-Metaphorik gilt der Geruchsforscher Luca Turin, der in einem Interview einmal sagte: „Metaphern sind die Währungen unseres Wissens.“ Also los: 'Opus für den Zitronenkopfmann' ziehe ich der betagten 'brillanten Säure' vor, die 'Lavendelverkäuferin' dem bemühten 'ätherisch gewirkt', ersetze die leidgeprüften 'deutlichen Spontinoten' genüsslich durch 'Hellsichtige Unvernunft fürchtet das Chaos nicht'. Den Geruch eines Escada-Parfums beschreibt Turin an anderer Stelle übrigens so: „Wie jene Seidenstoffe, die zwei Farben besäßen, je nachdem, wie das Licht darauf falle.“ Auch nicht übel.

01.08.2010 - Axel Biesler
NACH DER LEKTÜRE EINER ANTHOLOGIE

Der Pissfleck am Fuß der Rolltreppe der
U-Bahn-Station-Miquel-Adickes Allee
Ich behaupte nicht, daß er besser ist
als eines der vielen Gedichte
die ich heute gelesen habe
ich weiß nur, daß er mir mehr sagt
Dieser Pissfleck am Fuß der Rolltreppe der
U-Bahn-Station Miquel-Adickes Allee
Redet davon, daß da wer unter Druck stand
Kündet davon, daß das unbedingt raus mußte
Zeugt davon, daß der, den es drängte
schnell was aus einem Guß hinlegte
Diesen Pissfleck am Fuß der Rolltreppe der
U-Bahn-Station Miquel-Adickes-Allee
Vor Augen denk ich der Stimmen
die heut zu mir sprachen, so
drucklos, so dranglos, so
schwunglos, so harmlos, so
bißlos, so zwanglos, so
harnlos, so hirnlos

Robert Gernhardt
'Weiche Ziele', Gerd Haffmans, 1998

21.07.2010 - Axel Biesler
SIT-IN AM DEICH

Flaggen sind nur noch vereinzelnd zu sehen. Mehr als zehntausend sollen die Straßenmeistereien gezählt haben. Derweil zähle ich auch. Tropfen, die seit zwei Stunden an meinem Fenster herablaufen. Mein Nachbar beendet jedes Telefongespräch mit: „Dann gabs einen riesigen Lichtbogen und nix ging mehr. Ich melde mich wieder, wenn ich etwas Genaueres weiß.“ Auf einer Brücke im Irgendwo sind wir zum Halten gekommen. Unter uns rauscht sanftmütig ein Fluss. Kondenswasser perlt faul an Glasscheiben herab. Die Buchtstaben eines Spiegel-Essays über das neue Selbstverständnis unserer Nationalkicker kleben mir mittlerweile an Fingern und Hand. Nicht bewegen, scheint mir ein guter Rat. Lethargie und Defätismus. Von beiden gibt es reichlich. Voraus hängt die Oberleitung wie Lianen herab. Das Netz ruht – still wie die See. Wie das nun weiterginge, wüsste der Zugchef auch nicht. Er würde zunächst mal alle Waggontüren öffnen, sagt er. Aussteigen sei jedoch strengstens verboten. Auf der Brücke etabliert sich flugs ein veritabler Sit-in. Erste Kolonnen ziehen mit Sack und Pack Richtung Deich davon. Dort drüben zu den Häusern, rufen die mutigen Pioniere zum Abschied. Die Umrisse eines Kraftwerks grüßen höhnisch am Horizont. Blinder Aktionismus, meinen die einen, was willste sonst machen, die anderen. Neueste Nachrichten verbreiten sich in altgedienter Mund-zu-Mund-Propaganda. Eine Evakuierung stünde an. Busse würden uns zum nächsten Bahnhof bringen. Doch die Zielangaben sind anfangs vage. Später tauchen Männer in orangefarbenen Warnwesten am Bahndamm auf und weisen uns den Weg. Träge schiebt sich der Flüchtlingstreck über Betonschwellen und groben Schotter. Ich erinnere mich an Schwellen aus Holz und an messingüberzogene Groschen, die wir weiland aufs Gleis legten, damit sie spiegelglatt gewalzt werden. Wie wir fröhliche Ewigkeiten brauchten, sie zwischen den Steinen wiederzufinden, nachdem der Zug über sie hinweg gedonnert war. Damals, als die Bahn das noch ernst meinte mit ihrem Klima-Nihilismus. Wo der Treck schließlich zum Stehen kommt, stehen freilich keine Busse bereit, und es kommen auch später keine. Immerhin hat ein geschäftstüchtiges Taxiunternehmen Wind von unserer verdrießlichen Lage bekommen und sammelt die Gestrandeten portionsweise auf. Es rettet sich, wer kann. Und will. Ähnliches mit Ähnlichem zu behandeln, lautet das Credo der Homöopathen. Zuhause ist mir nach Riesling zumute. Nach Saulheimer oder Hochheimer. Hauptsache Hölle.

07.07.2010 - Axel Biesler
FLAGGE ZEIGEN

Ganz Deutschland flaggt jetzt wieder auf und liefert sich zermürbende Häuserkämpfe um die am scheußlichsten aufgemotzte Fassade. Ein schwarz-rot-goldener Teppich aus zerfetztem Plastikstoff legt sich über die Seitenstreifen bundesdeutscher Autobahnen. Auf dem Dach der Villa von Ernst August in Hannover flattert indes ungerührt – die Welfenflagge. Wer authentisches Barockgefühl erleben möchte, ist im Nordwesten der Herrenhäuser Gärten bestens aufgehoben. Da steht das entzückende Hardenbergsche Haus. Zwei Stockwerke hoch und einst generöse Dienstwohnung des gleichnamigen Gartendirektors. Draußen warten großzügige Loungesessel, auf denen lässts sich nicht wirklich sitzen, aber vortrefflich herabfließen. Zu transparent himbeerfruchtigem und kryptomer perlendem 2007er Rosé Sekt brut gibt’s knusprige Vollkorncracker mit Tatar von Lachs und Matjes. Hätte sie gar nicht gedacht, dass Hannover so reizende Ecken hat, sagt Sandra Kühn, und belässt es dann bei ein paar vinologischen Floskeln. Wozu auch lang und breit über Winzerhandwerk schwadronieren, wenn Set und Setting am Ende doch alles überragen. Als kongenialer Begleiter zur Gurkenkaltschale erweist sich ihr anmutig gereifter 2006er Riesling Kabinett aus dem Lenchen. Im Kräutergarten gedeihen üppig Lavendel und Melisse, weshalb Outdoor-Proben stets ihre eigenen Gesetzte haben. Doch machtlos sind alle Lippenblütler, wenn ihre Düfte gegen den 2008er St. Nikolaus antreten müssen, der so urtypisch nach Wildleder, Kräutern und gelber Steinfrucht riecht und so manchen Gaumen zumindest verblüfft. Kork hätte der, schimpft dann auch schon ein Zecher. Und die Vögel zwitschern. Und man plaudert unaufgeregt daher, während geschmeidige Beerenauslese in die Gläser plätschert und Zecher wie Bacchanten gleichermaßen verzückt. Es steckt ein bisserl Hannover in den Weinen der Kühns: Die Tranparenz des gläsernen Glaspavillons von Arne Jacobsen oder die Sinneslust von Niki de Saint Phalles gestalteter Grotte. Zwischen Grotte und Pavillon klafft noch eine Lücke, die will Hannover jetzt mit einer Replik des im Krieg zerstörten Schloss Herrenhausen schließen. Doch Kopien entfalten selten Wirkung. Höchstens Eindruck, und der währt nur kurz.

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03. September 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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aktualisiert am 09.06.2009