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Das Auge trinkt mit

 

von Axel Biesler

Nein, auf eine Blindprobe wolle er sich nicht einlassen, hätte ja schließlich genug für diese Veranstaltung bezahlt, da würde er schon gern wissen, was ihm da so ins Glas gegossen wird. Augen trinken schließlich mit. Und schauen nochmals genauer hin, wenn sie es, wie bei dieser Probe, mit einer Sammlung der prominentesten Güter vom linken Ufer aus dem klassischen Jahrgang 1994 zu tun bekommen (einziger Ausreißer von rechts: Château Canon la Gaffelière). Die Phalanx bester Bordelaiser Gewächse wurde im Oktober 2009 in Hannover einem Dutzend professionellen und interessierten Weinnasen eingeschenkt. Dass alle Weine offen probiert wurden, ist ein wenig bedauerlich, wäre eine Blindprobe, mit dem ein oder anderen preiswerten Piraten darunter, doch ideale Grundlage für die Validierung einer bemerkenswerten amerikanischen Studie gewesen. Indes wollte eine potentielle Blamage von den Teilnehmern am Ende nicht auch noch teuer bezahlt werden. Nachvollziehbar, denn wer Berühmtes trinkt, möchte sehen. Und gesehen werden.

„Do More Expensive Wines Taste Better?“, fragt dann auch der amerikanische Weinkritiker und Harvard-Absolvent Robin Goldstein in einem Artikel für das Journal of Wine Economics (Vol. 3, Number 1, 2008) und dem begleitenden Buch „The Wine Trials“ (Fearless Critics Media). In siebzehn Doppelblindproben servierte Goldstein und sein Team 506 freiwilligen Probanden 523 verschiedene Weine. Die Verkoster-Mannschaften bestanden zu etwa gleichen Teilen aus Experten und Laien, Männern und Frauen im Alter zwischen 21 und 88 Jahren. Die Preise der Bouteillen variierten zwischen 1,65 und 150 US-Dollar. Für den Fachmann ist Goldsteins Testergebnis nicht unbedingt überraschend, für die nicht weinaffine Presse war es ein gefundenes Fressen: Zwei Drittel der ehrenamtlichen Verkoster zogen darin nämlich einen zwölf Dollar US-Sparkling einem gut zehnmal so teurem Dom Pérignon vor. Nach Auswertung aller Daten fanden Goldstein und sein Team keine Korrelation zwischen dem Preis eines Weines und der Beurteilung durch die Verkoster und konstatieren: „When we don't taste blind, it's almost impossible to know whether the pleasure of expensive wine is coming from its own taste, or from the taste of money.

Goldstein ist bekannt für unkonventionellen Weinjournalismus. Im vergangenen Sommer sorgte er mit seiner Bewerbung einer imaginären italienischen Osteria für den Award of Excellence beim US-Weinmagazin Wine Spectator für Wirbel in Orkanstärke. Und das ging so: Goldstein dachte sich einen netten Namen für sein Lokal aus, konstruierte eine Weinkarte, wobei er darauf achtete, beinahe ausschließlich vom Wine Spectator miserabel bewertete Weine zu listen (zudem zu teils abenteuerlichen Preisen), baute eine kleine Homepage und überwies die anfallenden Gebühren an den Verlag. Und schwuppdiwupp, sein virtueller Nobel-Italiener gewann die Auszeichnung. Award of Excellence leicht gemacht. An eine Telefonnummer mit permanent eingeschaltetem Anrufbeantworter hatte er auch gedacht. Der Wine-Spectator meldete sich prompt, gratulierte zur Auszeichnung und erkundigte sich, ob seine Osteria nicht eine Anzeige im Magazin schalten wollte.

Zurück zum Geschmack des Geldes. Haben die teuersten Weine den Hannoveranern am besten geschmeckt? Soweit nicht ohnehin bekannt, wurden die Güter und ihre Klassifizierungen von einem Moderator vorgestellt. Die Premiers Crus bildeten den Abschluss der Probe. Obschon die Preise nicht kommuniziert wurden, darf man annehmen, dass sie den Verkostern in etwa geläufig waren. Für den Jahrgang 1994 (recherchiert via www.wine-searcher.com) ergibt sich folgende konkrete Reihenfolge:

1.      Château Lafite-Rothschild, Pauillac, Premier Cru (ca. 300 Euro)

2.     Château Latour, Pauillac, Premier Cru (ca. 270 Euro)

3.       Château Margaux, Margaux, Premier Cru (ca. 230 Euro)

4.       Château Haut-Brion, Pessac-Léognan, Premier Cru (ca. 200 Euro)

5.       Château Mouton-Rothschild, Pauillac, Premier Cru (ca. 190 Euro)

6.       Château Leoville-Las Cases, Saint Julien, Deuxième Cru (ca. 80 Euro)

7.       Château Pichon-Longueville Comtesse de Lalande, Pauillac, Deuxième Cru (ca. 80 Euro)

8.       Château Haut Bailly, Graves, Cru Classé (ca. 60 Euro)

9.       Château Canon La Gaffelière, Saint Émilion, Grand Cru Classé (ca. 50 Euro)

10.    Château Pontet Canet, Pauillac, Cinquième Cru (ca. 50 Euro)

11.    Château Sociando-Mallet, Haut Médoc, Cru Bourgeois (ca. 40 Euro)

12.    Château Duhart-Milon-Rothschild, Pauillac, Quatrième Cru (ca. 40 Euro)

Der Lafite-Rothschild zeigte deutliche Noten von Lösungsmittel und wird in dieser Gegenüberstellung deshalb nicht berücksichtigt. Da sowohl Robert Parker als auch René Gabriel diesen Wein mit 90+/100 bzw. 18/20 Punkten recht hoch bewerten, ist von einem Flaschenproblem auszugehen. Die Weine wurden nach dem traditionellen „Hannover-System“ bewertet, bei dem lediglich zehn Punkte zu verteilen sind. Das Resultat überrascht nur an wenigen Stellen:

1.       Château Latour, Pauillac (9,0 Punkte)

2.       Château Mouton-Rothschild, Pauillac (8,6 Punkte)

3.       Château Haut-Brion, Pessac-Léognan (8,5 Punkte)

4.       Château Pichon Longueville Comtesse de Lalande, Pauillac (8,4 Punkte)

5.       Château Margaux, Margaux (8,3 Punkte)

6.       Château Leoville-Las Cases, Saint Julien (7,8 Punkte)

7.       Château Pontet Canet, Pauillac (7,7 Punkte)

8.       Château Haut Bailly, Graves (7,5 Punkte)

9.       Château Canon La Gaffelière, Saint Émilion (7 Punkte)

10.    Château Sociando-Mallet, Haut Médoc (6,8 Punkte)

11.    Château Duhart-Milon-Rothschild, Pauillac (6,1 Punkte)

In der Beurteilung des Geschmacks in Relation zum Preis machten Pichon Longueville Comtesse de Lalande (von 7 auf 4) und der Pontet Canet (von 10 auf 7) die deutlichsten Sprünge nach oben und bieten demnach das beste Preis/Genuss- Verhältnis. Château Margaux (von 3 auf 5) und Château Mouton Rothschild (von 5 auf 2) tauschten zwar mehr oder minder die Plätze, doch ist dieser Wechsel nicht weiter bemerkenswert, da ihre Preise mit 230 bzw. 190 Euro recht nah beieinander liegen. Zum Vergleich: Der von Platz 7 auf Platz 4 gekletterte Pichon Longueville Comtesse de Lalande ist mit ca. 80 Euro gelistet und nun eingerahmt von Weinen, die mehr als das doppelte kosten. Darüberhinaus gab es keine signifikanten Veränderungen. Mehr noch: Die Château-Reihenfolge nach dem Kriterium „Preis“ ist mit der nach dem Kriterium „Geschmack“ beinahe identisch.

Wie allerdings, so drängt sich die Frage auf, wäre das Ergebnis ausgefallen, wenn die Weine „blind“ probiert worden wären? Und wo wäre der ein oder andere eingeschleuste preiswerte Pirat gelandet. Am Ende ganz oben? Wir wissen es nicht. Noch nicht. Der Veranstalter hat noch eine Serie dieser Weine in petto und eine Wiederholung der Probe angekündigt. Diese verdeckt durchzuführen, natürlich wünschenswert wäre. Mutig wär’s. Und ein Riesenspaß obendrein.

 

 

03. September 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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