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Riesling im Röhrkohlland

  

Text: Axel Biesler

Bilder: Lars Oldenbüttel

 

Auf geht’s ins Land des Röhrkohls. Haben Sie noch nie von gehört? Und Strand-Dreizack? Auch nicht? Na gut. Eigentlich soll’s ja wieder um Wein gehen, wie immer. Is aber ein bisserl langweilig mit dem Wein in letzter Zeit. Und so ein Röhrkohl, der würzt die Sache eingangs etwas. Ein Gemüse ist’s, sieht aus wie Schnittlauch, schmeckt wie salziges Schnittlauch und wächst gerne im Deichvorland des Wattenmeers. An den Küsten Südamerikas wohl auch, doch braucht uns das hier nicht kümmern. Wir wollen directement in den UNESCO-Schlick, machen vorher aber noch einen Abstecher bei Björn in seiner herzlichen Gourmetkombüse „Zur Börse“ in Wremen. Weil der das da raus hat mit dem Röhrkohl, der Björn, und man ja vorher was im Magen haben muss, denn leerer Bauch probiert nicht gut, vor allem nicht sehr lange. Röhrkohl muss wie Spargel gestochen werden und das zu gleicher Jahreszeit. Spargel und Röhrkohl vertragen sich gut. Björn macht also Röhrkohl-Spargelgemüse, dazu brät er Zander und kleckst(!) eine Vanille-Chilisauce drüber. Klingt gewagt, passt aber gut zusammen. Da macht ihm so schnell keiner was vor, dem Björn nicht, mit dem Röhrkohl.

Und weiter geht’s nach Dorum, zum heiligen Schlick. Und mittendrin, im Schlick, da steht er. Der Rätselhafte. Der, tja, der was denn nun? Fast 40 Meter streckt sich das Objekt in den Nordseehimmel. Eine Windmühle ohne Flügel auf einem Drahtgestell?

Falsch. Ein schwarzer Turm, der von einem massiven Stahlgerüst getragen wird. Ein Bohrturm, erbaut nach längst verschollen geglaubten Plänen von Jules Verne? Wieder falsch. Drinnen drei original erhalten gebliebene Diensträume. Der Kommandostand der berüchtigten Dorumer Krabbenpiraten? Nicht doch. Wahrlich ein echter Hingucker, dieser Turm auf Stelzen im Schlick. War er auch mal, wortwörtlich ein Hingucker: „Zwischen 1886/87 errichtet, ist der ehemalige Leuchtturm Eversand-Oberfeuer heute eines der Wahrzeichen der Wurster Nordseeküste und prägt mit seiner beeindruckenden Höhe die Küstenlinie der ganzen Region“, schreibt der Presseattaché und beschied kurz und knapp, da machen wir jetzt eine Weinprobe. Weil ihn das Wurster Land küsste. Und gut, so machen wir das, antwortete der Starsommelier. Weil ihm Wein in letzter Zeit so überwortet vorkam. Da kam der Turm gerade recht: Nicht lange schön um den Wein drum rum reden müssen, weil das Drumherum ja schon schön ist. Das ersetzt Worte. Die überflüssigen jedenfalls.

Der Presseattaché regelt das mit der Kasse und drückt den Gästen Leiners Handwerk in die Hände. So ganz einfach ist das aber nicht, weil der Wind immer kräftig pustet an der Wurster Nordseeküste, so kräftig, dass der Presseattaché die Gläser auf dem Tisch festhalten muss, die Kasse und die Teilnehmerliste, die auch. Mehr Hände braucht’s dafür, als man eigentlich hat. Allerhand also. Bekommt er aber meisterhaft hin, der Presseattaché. Und der Wind braust um das Stahlgestänge herum, so laut braust der, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht und nur noch Riesling schmeckt, mit Nordseeluft gewürzten Riesling. Angeglückt geht es hinauf, den Gutsrieslingen von Jost, Crusius, Spanier und Kühn entgegen. Die Sonne malt den Turm aufs Watt. In den Stuben ist die Zeit stehengeblieben. Stets zwei Mann kümmerten sich um das Lichtfeuerwerk. Siebzehn Stufen über dem Lagerraum liegt die winzige Küche, Lebensmittelpunkt der Besatzung. Kräftiger Niersteiner, drahtiger Hergottsacker, fein gereifter St. Jost und würziger Gerümpel laufen in die Kelche und schließlich in die durstigen Kehlen. Die Dielen ächzen. Der Wind rüttelt an den kleinen Fenstern. Geht es noch höher? Es geht. In den Dienstraum, in dem heute kein Dienst mehr getan wird. Jetzt schon gleich gar nicht, denn Deutschlands Rieslingelite wartet schon. Auf der Galerie zünden Brunnenhäuschen, Goldloch, Kallmuth und Lenchen ihre Geschmacksfeuer. Bombetten aus Frucht, Gestein und Würze. Mit freier Sicht über das Wattenmeer und Nordseeluft als markigen ‚arrière-goût‘.

 

 

11. März 2010

 

 

 

 

 

 

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aktualisiert am 04.08.2009