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DIEWEIN
von Axel Biesler
Wein ist empfindlich. Man muss sich um ihn kümmern. Wein kommt nicht als Wein
zur Welt. Man muss ihn begleiten. Wenn er hereingeholt wird, in die Welt -
manchmal früh, ein anderes Mal eher spät -, ist er sehr verletzlich. Er ist
fragil, und die Welt, in die man ihn holt, ist neu und fremd für ihn.
Man muss ihn daran gewöhnen. Denn da wo er herkommt, gibt es keine Bildung.
Man muss ihn beruhigen. Und da er noch lange keiner ist, kein Wein, hat man sich
einen Vor-Namen für ihn ausgedacht. Es ist kein Kosename, denn der Traubensaft
ist nicht niedlich. Auf den derben Namen „Most“ soll er erst einmal hören, weil
er noch so ungehobelt und roh ist, so ungeschliffen und wild. So lange, bis ihm
seine Flausen ausgetrieben sind. Und das kann lange dauern.
Man legt ihn
in ein Bett aus Stahl oder Holz. Wein ist empfindlich, ein Hypochonder
sozusagen. Man muss auf ihn aufpassen. Sein Bett muss sauber sein, penibel
sauber. Bevor er also auf die Welt kommt, muss man sein Bett machen. Es kann
warm oder kalt sein, holzig oder stahlig – um das Bettmachen kommt man nicht
herum. Von Männern hört man, die den lieben lang Tag nichts anderes gemacht
haben, als seine Betten. So lange, bis sie darüber ganz irr im Kopf
geworden sind. So irr, dass sie anfingen Bier zu trinken, viel Bier.
Wein ist beeinflussbar, gerade wenn er jung ist. Da ist er neugierig und
schaut sich um. Und findet er etwas in seinem Bett, egal wie klein und
unbedeutend es auch sein mag, so nimmt er es begierig auf, denn er weiß nicht,
was aus ihm werden soll. Wein hat kein Bewusstsein. Wein lässt sich treiben.
Es ist schon lange her, da hat sich der Wein noch selbst gemacht, aus
sich selbst heraus. Autopoietisch, sagen die Biologen heute dazu. Damals war es
ein Wunder, ein Weingeist. Das ist lange her. Heute schickt man den Wein auf
Schulen und auf höhere Schulen. Wein bildet man aus. Da geht es nicht an, dass
er etwas aus sich selbst heraus macht. Das geht nicht. Keinesfalls.
Man
macht Wein. Und die Schule ist Pflicht, und der Wein ist ein Schüler. Und der
Schüler hat gefälligst zu tun, was der Lehrer ihm sagt – ohne Klagen. Aber nicht
jeder Wein ist gleich, auch wenn man es versucht und die Schule immer dieselbe
ist. Der Wein ist es nicht. Manche von ihnen tun partout nicht, was man ihnen
sagt. Der Wein kann eine Zicke sein, eine Diva. Eigentlich ist er zutiefst
weiblich, weshalb ihn Männer so lieben.
So ist das Wein-Machen eine
hocherotische Angelegenheit. Nicht nur, da sie ständig in seine Betten steigen.
Nein, auch die Art wie sie mit ihm umgehen, ist immer irgendwo zwischen zärtlich
und brutal. Die Frauen wissen davon.
So streicheln sie hier zärtlich über
seine kleinen französischen Eichenbett, säuseln ihm zu und kosten von ihm, bevor
sie dort einen anderen aus einem kalten Stahl routiniert abstechen. Die Männer
wissen davon.
Es sollen die Anmutigen sein, die Schönen, die, mit denen
man eine lange Zeit leben kann, denen die kleinen handgefertigten Betten
vorbehalten sind. Dort sollen sie die Zeit bekommen, die sie brauchen. Bequem
sollen sie es haben. Nicht zu kalt und nicht zu warm soll es sein. Privilegiert
sind sie und elitär werden sie, weil sie dazu gemacht werden. Denn Wein, das
sagte ich schon, hat kein Bewusstsein.
Von Zeiten hört man, und es soll
sie auch heute noch geben, da hatte man fast nichts anderes zu tun, als den Wein
alle drei Monate von einem Eichenbett in das nächste zu legen. Klar sollte er
darüber werden, bevor man ihn endgültig in die Welt entließ. Das brauchte Zeit,
viel Zeit, mehr als es heute noch gibt. Von verrückten Männern berichtet man,
die sich auch heute noch diese Zeit irgendwoher stehlen. Obwohl sie längst
verschwunden ist. Und deshalb sagt man ihnen nach, sie seien verrückt,
wenngleich sie alles andere sind.
Dem Problem mit der Zeit ist man
beigekommen. Die Schulzeit war entscheiden zu lang. Man hat sich große Maschinen
und kleine Medikamente ausgedacht, die das Wissen der Weinwelt in kürzester Zeit
in den Wein prügeln. So rast er jetzt vom Most zum Wein in atemberaubender
Geschwindigkeit. So schnell, dass ihm ganz schwindelig davon wird, steht dann in
der Welt, und alle bewundern ihn, finden ihn von der Stelle weg anmutig und
kraftvoll zugleich. Und das vom ersten Tage an. Das ist schwer zu verkraften und
langweilig, sehr langweilig.
Manchmal langweilt sich so ein Wein in
irgendwelchen Kellern zu Tode. Solange, bis man einen oder zwei von ihnen
gelangweilt heraufholt, öffnet, riecht, schmeckt und sagt: „Verdammt
langweilig“, oder, und vielleicht schlimmer noch: „so gut wie tot.“
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11. März 2010


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