www.DIEWEIN.de

  Kontakt

STARTSEITE

Impressum

Kontakt

Axel Biesler

Links

Archiv

 

 

 

 Weine

 

 Weinwelt

 

 Welt

 

 DIEWEIN

Unterwegs in der Weinwelt

 

Wein braucht Eigensinn

von Axel Biesler

 

Um reinen Wein zu erzeugen, zerquetscht man reife Weintrauben und gibt den daraus gewonnenen Most in ein Behältnis. Nach einiger Zeit sind alle schweren Teilchen zu Boden gefallen und der Most sieht schon einigermaßen klar aus. Nun trennt man den klaren Most vom so genannten Trub. Dieser Vorgang nennt sich - etwas grob, aber durchaus zutreffend – Abstich. Denn in der Praxis rammt der Kellermeister regelrecht einen Hahn in ein Klarlaufventil im unteren Bereich des Fasses und lässt den trüben Most durch einen Schlauch in ein anderes Fass ablaufen.

Alles Weitere geschieht von nun an eigentlich von selbst. Auf den Beerenschalen befindet sich eine besondere Gattung von Weinhefen mit dem zungenbrecherischen Namen Saccharomyces cerevisae, deren bevorzugte Nahrung Zucker ist. Im Most findet man vor allem zwei Arten von Zucker: Glucose und Fructose. Weinhefen ziehen bei ihrem „Festmahl“ zunächst einmal die Glucose der Fructose vor – quasi die Vorspeise.

Erst wenn der Teller Glucose ganz aufgegessen ist, geht’s weiter zum nächsten Gang. Das ist nicht unwichtig zu wissen, denn hochwertige Weine mit Restsüße enthalten in der Regel nur noch Fructose und sind damit auch für Diabetiker unbedenklich.

Die „Verdauung“ von Zucker durch die Hefen nennt man Gärung. Hierbei entstehen im Wesentlichen Alkohol und Kohlendioxid. Was den Hefen am Ende zum Verhängnis wird, ist ihr eigenes Produkt: der Alkohol. Bei ungefähr 15% vol sterben sie ab und fallen auf den Boden des Behälters, oft schon viel früher. Denn je mehr Extraktstoffe ein Wein enthält, desto dichter ist er und ebenso schwerer haben es die Hefen, den Zucker in Alkohol zu verwandeln. Tatsächlich liegt der Schlüssel zum guten Wein im Extrakt.

Bei ihrem freien Fall, reißen die abgestorbenen Hefen dann alles mit sich, was sich in ihrer Umgebung befindet. Dabei wird der Wein nochmals klarer. Die abgestorbenen Hefen dienen also quasi als weiterer Filter.

Das klingt alles recht einfach, ist es auch. Aber wie bei so vielen Dingen, liegt die Schwierigkeit darin, die einfachen Dinge sehr gut zu machen.

Das Rezept einer Sauce Hollandaise ist allgemein zugänglich und verständlich, ihre Zutaten sind überall erhältlich.
Trotzdem ist ihre Zubereitung schwierig: Die Zutaten können einfach minderwertig sein, die Reduktion zu scharf eingekocht, die Butter kann zu braun geraten, die Eigelbe zu stark aufgeschlagen. Und am Ende steht die Kunst der Emulsion von geklärter Butter und aufgeschlagenen Eigelben.

Erst das ideale Zusammenspiel von hochwertigen Zutaten, exakter und leidenschaftlicher Zubereitung, macht diese Sauce zu einer Delikatesse. Und das braucht Zeit. Und diese Zeit scheint es heute wohl nicht mehr zu geben. Und weil es die nicht mehr geben soll, gibt es die Sauce heute auch aus der Tüte. Schmackhaft durch künstliche Aromen und haltbar gemacht durch diverse Antioxidanten, ersetzt sie heute zunehmend das Original. In letzter Konsequenz wird man in Zukunft die Kopie für das Original halten. Bedauernswert, aber leider Realität – auch beim Wein.

Wein besteht zu etwa 80% aus Wasser und 5-15% Alkohol. Dazu kommen - je nach Sorte und Jahrgang – 4-10% Säuren. Nur bis zu 3,5% nehmen Spurenelemente, Mineral- und Aromastoffe ein. Diese Stoffe sind es, die der Weinkenner gemeinhin als Extrakt beschreibt. Vereinfacht gesagt, ist es dieser kleine Anteil an Stoffen, gemeinsam mit den reifen Säuren, der einen Wein am Ende unverwechselbar und köstlich macht. Die Konzentration des Extrakts ist abhängig von der physiologischen Reife der Weintrauben.
So können Trauben zwar während der Reifeperiode enorm viel Zucker einlagern, das bedeutet aber nicht, dass sie zwangsläufig auch gut schmecken müssen. Es ist kein Geheimnis, dass erst die langsame und gleichmäßige Reife, Früchte besonders schmackhaft machen.

Zucker wird durch Hefen zu Alkohol umgewandelt. Alkohol ist ein Geschmacksträger. Wenn der Alkohol aber nichts hat, was er tragen soll, schmeckt der Wein letztendlich auch dementsprechend. Ein Problem, mit dem sich im Wüstensommer 2003 viele Winzer herumschlagen mussten.

Leider nimmt unser Weingesetz auf diesen Umstand wenig Rücksicht. Der Reifegrad der Trauben wird ausschließlich über ihr Mostgewicht definiert. Das Mostgewicht gibt aber prinzipiell nur Aufschluss über den potentiellen Alkoholgehalt. Trotzdem werden hierzulande immer noch die Oechslegrade der Traubenqualität gleichgesetzt. Je mehr Zucker die Trauben eingelagert haben, desto höher ist am Ende die Prädikatsstufe eines Weines. Das klingt schlüssig, ist es auch, stimmt aber nicht. Eigentlich sagt die Prädikatsstufe heutzutage kaum noch etwas über die Qualität eines Weines aus.

Viele ambitionierte Winzer verzichten heute auf die Nennung eines Prädikats und vermarkten ihre besten Weine am untersten Ende der Qualitätspyramide als Qualitätsweine. Es geht ihnen nicht um Oechslegrade, sondern um die Individualität ihrer Gewächse. Darum, wo sie gewachsen sind und wie sich der Jahrgang in ihnen widerspiegelt. Und das ist gut so, denn nur mit individuellen Weinen kann sich unser Weinland auf dem Markt profilieren. Weine, die durch Aromahefen nach tropischen Früchten riechen und solche, die durch Mostkonzentration überextrahiert sind, gibt es mittlerweile überall auf der Welt. Und sie schmecken alle gleich.

 

Veröffentlichung in:
"Häuptling eigener Herd", Heft 21

2004 Edition Vincent Klink, Stuttgart

 

08. September 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

frühere Artikel

im Archiv

© 2007 Axel Biesler

managed and powered by  Beispiel-Website www.web-appearance.de

aktualisiert am 17.03.2007