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Rosige Zeiten

von Axel Biesler

 

Es kann durchaus passieren, dass ein Riesling in manchen Jahrgängen – neben vielem anderen – auch an den Duft einer Rose erinnert. Wie aber kommt der Duft einer Rose in einen Wein? Es scheinen besonders sonnenreiche Jahrgänge zu sein, die das Aroma der Rose im Riesling fördern. Jedem Weinfreund wird in letzter Vergangenheit das Jahr 2003 in den Sinn kommen. Und vielleicht die Erkenntnis, dass die Weine dieses Jahrgangs derlei Aromen gar nicht, sehr verhalten oder – und auch das gab es - deutlich zeigten. Das hat weniger mit unterschiedlichen sensorischen Fähigkeiten zu tun, sondern vielmehr damit, wo der Wein gewachsen ist und wie am Ende mit seinen Trauben umgegangen wurde. Es stellt heutzutage keine Schwierigkeit mehr dar, einen nach technischen Maßgaben sauberen Wein zu produzieren. Dieser Wein wird vermutlich alles haben, was sein Trinker sich wünscht: etwas Süße, die die Zungenspitze anfangs sympathisch begrüßt, Säure, die das Getränk lebendig erscheinen lässt und Alkohol, der die Aromen – falls vorhanden – in unmerklicher Art zu einer sterbenslangweiligen Harmonie verbindet. Richard Clayderman auf Flaschen gezogen. Sie wollen mehr? Das ist nachzuvollziehen. Wer seine Tomaten vor ihrer Zubereitung stets enthäutet, entfernt auch den größten Teil der Aromen. Denn verantwortlich für das typische Aroma einer reifen Tomate sind die so genannten Monoterpene. Und die sitzen zu einem beachtlichen Teil in der Schale und nicht im Fruchtfleisch. Terpene finden sich bei über 2000 Pflanzenarten, die sich auf etwa 60 Familien verteilen, also auch bei manchen Weintrauben. Sie alle enthalten ätherische Öle mit einem ausgeprägten Geruch. Die einzelnen Komponenten der meist komplexen Gemische ätherischer Öle gehören überwiegend zu den Monoterpenen. Ihre Ausprägung ist beim Wein allerdings ganz unterschiedlich. Es existieren Rebsorten, deren Weinaroma von Monoterpenen gebildet wird und andere bei denen sie keine Rolle spielen. Verströmt ein Riesling also den dezenten Duft einer Rose, ist dies mit großer Wahrscheinlichkeit einem Monoterpen mit dem Namen Geraniol zu verdanken, das in bescheidener Menge – neben einigen anderen – auch beim Riesling zu finden ist. Dieses Aroma findet sich zu meist in gebundener Form wieder und wird erst durch das Einmaischen der Beeren in den Most gelöst. Geradezu spektakulär hoch sind die Werte von Geraniol bei der Sorte Gewürztraminer. Geraniol kommt als Hauptkomponente in Rosenöl vor und ist in der Parfum- und Aromenindustrie von großer Bedeutung. Der betörende Duft nach Rosen eines Gewürztraminers kommt also nicht von ungefähr, er ist seine Stärke. Stärken sollte man fördern, aber nicht überfordern. Balance zu finden, zwischen komplexer Aromatik und aufdringlichem Parfum sind die Herausforderungen, die diese anspruchsvolle Rebe an den Winzer stellt. In Frankreich sind für den Gewürztraminer auch die Synonyme Traminer parfumé und Traminer musqué gebräuchlich. Die Franzosen kennen sich mit Parfum erwiesenermaßen gut aus. Der Zusatz Gewürz beim Traminer spielt also in erster Linie auf seinen Duft und nicht so sehr auf seinen würzigen Geschmack an. Die besten Exemplare dieser Sorte wachsen seit dem Mittelalter im Elsass und Südtirol, sind von goldener Farbe, kräftigem Körper und zurückhaltender Säure. Was dazu führt, dass die Weine dieser Sorte – obgleich durchgegoren – eine leicht ölige Textur besitzen und meist etwas süßlich schmecken. Als Referenz dürfen sicherlich die Weine der Domaine Marcel Deiss in Bergheim gelten. Es braucht eine Zeit, bevor man einen Schluck von dieser Art Gewürztaminer nimmt (wir probierten einen 2001er „Bergheim“). Was schlicht und ergreifend daran liegt, dass man sich an ihm kaum satt riechen kann. Sein Duft ist überaus komplex, reicht von Rosen (natürlich) über Litschi zu getrockneten Aprikosen, etwas Honig und etlichen exotischen Gewürzen. Ein Weißwein für die kalte Jahreszeit und eher in homöopathischen Dosen wirklich zu genießen. Sein Winzer, Jean-Michel Deiss, gilt als Pionier des biodynamischen Weinbaus im Elsass. Extrem niedrige Erträge, eine ausgedehnte Maischestandzeit von bis zu 48 Stunden gehören zu der der Schöpfung eines solchen Weines.

Baden und die Pfalz sind vom Elsass nur einen Steinwurf weit entfernt. Auch dort wächst Gewürztraminer. In Deutschland macht die Anbaufläche nur knapp einen Prozent aus. Die Pflege dieser Spezialität ist aufwendig und wirtschaftlich wenig interessant. Ein „Gewürztraminer-Boom“ ist jedenfalls nicht in Sicht. Die Sorte treibt früh aus und ist deshalb vor Frösten im Frühjahr bedroht. Zwar gibt es mittlerweile ein paar ertragsstärkere Klone, doch bleibt die Menge immer noch weit hinter anderen edlen Sorten zurück. Ohnedies sind Weine mit einem Geruch nach Rosenwasser dieser Tage nicht sonderlich gefragt.    Vielleicht ist das am Ende auch der Grund, warum die meisten hiesigen Gewürztraminer dieser Probe keinen bleibenden Eindruck hinterlassen konnten. Sie lassen sich grob in ihre Geschmacksrichtungen (restsüß und – soweit das ein Gewürztraminer sein kann - trocken) und nach der Art ihrer Vinifikation unterteilen. In Franken ist es zudem üblich, die trockenen Weine als Traminer und restsüße als Gewürztraminer zu bezeichnen. Besonders die Anwendung oder Vermeidung der Maischestandzeit brachte signifikante Unterschiede in der Sensorik. Wobei solche mit einer Maischestandzeit zwischen 10 und 24 Stunden stets höher bewertet wurden, als ihre Pandons ohne Mazeration. Bei den trockenen Gewächsen setzte sich ein Franke an die Spitze. Der 2004er Traminer Spätlese trocken Würzburger Abtsleite vom Weingut Juliusspital ist ein kraftvoller Wein mit enormer Fülle und deutlichen floralen Noten. Bravo! Für den 2004er Gewürztraminer von Klaus Zimmerling aus Dresden-Pillnitz hätte eigentlich eine eigene Kategorie entstehen müssen. Derart eigenwillig präsentierte sich kein Wein dieser Probe. Seine Nase ist von diversen Gewürzen geprägt (Zimt, Anis, Nelken). Die Rose sucht man bei ihm vergebens, was seiner hohen Güte allerdings keinen Abbruch tut. Rose im Überfluss findet man dagegen bei der 2003er „Edition Rosenduft“ vom Weingut Theo Minges aus der Pfalz. Sicherlich ein extremer Wein (15,5 %vol.), der sogar mit einem indischen Lammcurry keinerlei Probleme hätte. Typisch und zugänglich zeigten sich der 2004er Traminer Concept N°1 von den Winzern Sommerach in Franken und die 2004er trockene Spätlese aus dem Kallstadter Steinacker vom Weingut Benderhof in der Pfalz. Bei den restsüßen Gewächsen überragte die 2004er Spätlese Albersweiler Latt vom Weingut Ökonomierat Rebholz alle anderen Weine haushoch. Sogar der „Bergheim“ von Jean-Michel Deiss konnte ob solch schierer Eleganz und Finesse nicht mithalten. Dass Gewürztraminer „barock“ sein müssen, widerlegte dieser Zauberwein aus homöopathischen Erträgen in beeindruckender Weise. Traumhaft! In seiner Stilistik dem Elsässer am nächsten kam der Wein von Markus Schneider aus Ellerstadt: zu floralen gesellen sich ätherische Noten und lassen einen üppigen Wein erwarten. Seinen tatsächlich kräftigen Körper verdankt er dem Wüstensommer 2003 und bewahrt sich dadurch seine Authentizität. Obgleich die Weine vom Weingut Dr. Heger, Laible und Ullrichshof (allesamt aus dem Jahre 2004) ansprechend waren, wirkte ihre Süße allzu vordergründig. Alle drei Weine waren gut, aber nicht bewegend. Wenngleich wir der Spätlese aus dem Ihringer Winklerberg von Heger noch das größte Potenzial zugesprochen haben. Oder, um mit den Worten von Jean-Michel Deiss zu sprechen: „Ohne Risiko keine Freiheit, ohne Freiheit keine Schöpfung.“

 

 

08. September 2010

 

 

 

 

 

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aktualisiert am 17.03.2007