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Unterwegs in der Weinwelt

Back to the roots: wurzelechte Rebstöcke

Was die Reblaus übrig ließ

Der Seuchenzug der Reblaus hat einige Weinberge verschont.

Vor allem an der Mosel gibt es noch wurzelechte Rebstöcke.

von Axel Biesler

 

1854 entdeckte der US-Entomologe Asa Finch an den Blättern amerikanischer Wildreben ungewöhnliche "Gallenkörper". In den Gallen fand er ein bislang unbekanntes Insekt: die Reblaus. Dem Phänomen gab er den Namen Pemphigus vitifolius, was soviel wie "Blasen an Weinblättern" bedeutet.

Einen regen Handel mit Rebstöcken gab es damals bereits. Mit ihnen wurden neue, bislang unbekannte Krankheiten in die alte Welt eingeschleppt. So gelangte der "Echte Mehltau" (Oidium) 1845 zuerst nach England und 1847 nach Frankreich. Es sollte nicht lange dauern, bis man bemerkte, dass ausschließlich die einheimischen Reben, nicht aber die amerikanischen Wildreben von dem Pilz befallen wurden. Die Winzer hatten damals keinerlei Behandlungsmittel, um der Krankheit wirkungsvoll zu begegnen. Die Tatsache, dass amerikanische Reben immun gegen die Krankheit waren, erhöhte ihre Einfuhr zwischen 1858 und 1862 ganz enorm. Ein weiterer Grund war ihre Beliebtheit bei den Botanikern wegen ihres prachtvollen Wachstums. Pemphigus vitifolius reiste mit – als blinder Passagier. Die Reblaus war in Europa angekommen.

Nichts ahnend wurden die importierten Reben von Botanikern und Winzern gepflanzt. Der aus den Trauben gewonnene Wein wollte allerdings nicht so recht schmecken. Der Anbau von amerikanischen Reben blieb wegen des "Fuchsaromas" der Weine sehr bescheiden. Die Reblaus dagegen verbreitete sich von nun an massenhaft in den europäischen Weinbergen.

Weinbauprofessor Rolf Blaich von der Universität Hohenheim: "In England wurde die Reblaus zuerst 1863 von dem Oxforder Entomologen Hammersmith in Gewächshäusern bei London an Blättern und Wurzeln von Tafeltrauben festgestellt und als Peritymbia vitisana beschrieben. Diese Publikation blieb im übrigen Europa allerdings unbekannt." Bedauerlicherweise, denn zur selben Zeit beobachtete man ein unerklärliches Rebensterben in Südfrankreich, dessen Ursache lange ungeklärt blieb. Erst 1868 konnte eine Kommission die Reblaus als Übeltäter identifizieren. Aber zu diesem Zeitpunkt war es schon zu spät. Mit grenzenlosem Appetit machten sich die Schädlinge über die Wurzeln europäischer Reben her. Die unterirdisch lebenden Läuse saugen den Saft der Wurzeln aus und sondern dabei ein Sekret aus. Es bilden sich Wucherungen an den Rebwurzeln, letztlich kommt es zur völligen Blockade der Gefäße: der Herzinfarkt im Rebhügel.

 

Eine kleine Laus zerstört den
gesamten europäischen Weinbau

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren, mit Ausnahme von Chile und Zypern, alle Weinbauländer von der Reblausplage betroffen. Zwar kannte man nun die Ursache, aber ein Gegenmittel war noch nicht gefunden. Der europäische Weinbau lag am Boden. Allein in Südfrankreich vernichtete die Reblaus zwischen 1870 und 1874 rund 700 000 Hektar. 1866 erreichte die Plage Deutschland: Das preußische Ministerium für landwirtschaftliche Angelegenheiten erhielt aus Washington ein Sortiment Weinreben – ein echtes Danaergeschenk. Die Zierreben wurden der Königlichen Domäne Annaberg bei Bonn überstellt. Von hier aus, so nimmt man heute an, breitete sich die Seuche in ganz Deutschland aus.

Wiederum erkrankten ausschließlich europäische Reben. Die eingeführten Wildreben aus Amerika erfreuten sich bester Gesundheit. Nach jahrelanger, meist erfolgloser Suche nach einem geeigneten Gegenmittel griff man am Ende auf eine uralte Methode zurück: Die Technik des Pfropfens! Dabei wird ein Edelreis mit einer geeigneten wurzelbildenden Unterlage an der Wundstelle zum Anwachsen vereinigt. Traditionelle Rebsorten wurden von nun an gezielt auf amerikanische Unterlagen aufgepfropft: überirdisch Europäer, unterirdisch Amerikaner.

Aber nicht alle Weinbauregionen traf die Plage gleich hart. An der Mosel wurde die Reblaus erst 1907 entdeckt, sie richtete hier bei weitem nicht so gravierende Schäden an. Die kargen Schieferböden an Mosel, Saar und Ruwer hätten der Reblaus keine guten Lebensbedingungen geboten, argumentiert Weinbauingenieur Hans-Bernd Pütz.

Die Einführung des Pfropfrebenbaus ging an der Mosel deshalb wesentlich zögerlicher voran. Aufgrund des beschwerlichen Weinbaus in den Steillagen waren und sind die Standzeiten der Rebanlagen ohnehin länger. Ob die Reben infolge ihres höheren Alters und ihrer perfekten Anpassung an das Terroir auch widerstandsfähiger gegen die Reblaus waren, bleibt eine Mutmaßung. Jedenfalls wurde der Region so bis heute ein wertvoller Schatz alter Weinberge bewahrt – mit wurzelechten Rebstöcken. Hinzu kommt, dass im Nachkriegsdeutschland vor allem die Produktivität im Vordergrund stand, Wein war zu dieser Zeit Mangelware. Bei der Veredelung pfropfte man deshalb ertragsstarke Klone auf wuchsstarke Unterlagen, eine Turbokombination, die oft genug dünne Weine lieferte. Die wurzelechten Stöcke brachten und bringen dagegen deutlich niedrigere Erträge und viel Aroma.

Karl Josef Loewen vom Weingut Carl Loewen in Leiwen ist überzeugt, dass mit den neuen Rebstöcken und ihren Unterlagen die Qualität der Weine auf dem Altar der schieren Masse geopfert wurde und in letzter Konsequenz auch zu einem Verlust genetischer Vielfalt führte. Um sie zu bewahren, selektionierte der umtriebige Loewen aus einem 100jährigen Weinberg einige hundert Weinstöcke, vermehrte und veredelte sie auf wuchsschwachen Unterlagen. So entstand ein Weinberg mit Reben, die das Ertragsniveau des Rieslings Anfang des 20. Jahrhunderts besitzen. Kleine, goldgelbe Beeren sind das Resultat für einen Wein mit dem Namen "Varidor", dessen Name sich aus Varianz (Vielfalt) und d’or (Gold) zusammensetzt.

Der Varidor 2003 ist ein köstlicher Vertreter seines Jahrgangs, gibt sich üppig in der Nase, erinnert zuweilen an Rosen und hinterlässt einen wunderbar cremigen, mineralischen Eindruck. Seine besten Weine holt Loewen aus dem Filetstück, der Laurentiuslay. Eine Lage, die wie so viele an der Mosel von der Reblaus verschont wurde. Seit mehr als 90 Jahren nun graben sich die Wurzeln dieser "alten Knochen" in den Schieferboden. Mit dem Alter ging ihr Ertrag auf natürliche Weise zurück. Doch die wenigen Trauben können hocharomatisch sein und einen einzigartigen Wein ergeben. Natürlich sei er froh im Besitz einer so alten Anlage zu sein, meint Loewen, aber ein Garant für guten Wein sei das noch lange nicht. Entscheidend sei, was der Winzer draus macht.

Ähnlich sieht das Kollege Markus Molitor aus Bernkastel. Über die Hälfte seiner Reben sind wurzelecht. Auch für Molitor gilt es, den individuellen Geschmack dieser Trauben im Wein festzuhalten. Die 2003er Spätlese trocken aus der Zeltinger Sonnenuhr stammt aus 80-100jährigen Reben: ein eindrucksvolles Konzentrat aus exotischer Frucht und mineralischer Substanz. Dieses einmalige Aroma möchte Molitor erhalten, deshalb vermehrt er seine Rieslingreben ausschließlich aus seinen eigenen alten Beständen und leistet so einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Vielfalt innerhalb einer Sorte.

Bis vor einiger Zeit überwachte ein Reblauskommissar die alten Anlagen an Mosel, Saar und Ruwer. Waren sie reblausfrei, durften die Winzer dort auch wurzelechte Reben nachpflanzen. Da die Seuche als ausgerottet galt, fiel diese Stelle im Jahre 1989 weg. Dennoch sei es immer noch gefährlich, wurzelechte Reben zu pflanzen, gänzlich ausgestorben sei die Reblaus noch nicht, erklärt Molitor. Denn auch bei der Wahl der Unterlage gibt es erhebliche Unterschiede. Tatsächlich scheint der Schädling an der besonders an der Mosel erfolgreichen Unterlage 26G neuen Appetit zu bekommen.

 

Erstveröffentlichung in: Slow Food-Magazin, Nr. 2 / 2005

 

08. September 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Reblaus an einer Wurzel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wucherung an einer Wurzel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Vitis aconitifolia -

eine amerikanische Wildrebe

 

 

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gut angewachsen

Veredlungsstelle

 

 

 

 

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Wurzelechte Reben

an der Mosel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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aktualisiert am 17.03.2007