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Unterwegs in der Weinwelt

Wenn's blubbert im Tank: Spontangärung oder Reinzuchthefe
Winzers kleine Helferchen

Natürliche Gärung oder Reinzuchthefe: Für viele Betriebe ist die Frage, wie der Zucker im Wein zu Alkohol verwandelt wird, eine entscheidende Weichenstellung. Axel Biesler über die Liebe zu Saccharomyces cerevisae

Es gibt Weine auf dieser Welt, die lassen einen nicht mehr los. Das Erste Gewächs vom Rheingauer Weingut Peter Jakob Kühn ist so einer. Fast unmöglich, sich an diesem Riesling aus dem Oestricher Doosberg satt zu riechen. Sicherlich duftet er nach Aprikose, aber eben nicht nur. Sicherlich hat er Würze, aber eben nicht nur. Und natürlich ist er mineralisch, aber eben nicht nur. Dieser Riesling vibriert, pulsiert, verändert sich. Mit Sicherheit gehört er zu den besten Weinen, die der Rheingau im Ausnahmejahr 2003 hervorgebracht hat. Er wirft die Frage auf, wie er "gemacht" wurde.

Im Weinberg und mit Hilfe der Natur, ist die erste, etwas knappe Antwort von Kühn. Sie erklärt bei weitem nicht, was in den letzten drei Jahren bei diesem Weingut vorgegangen ist. Denn dieser Wein ist auch das Ergebnis einer rigorosen Umstellung der Arbeit im Keller. Er ist das Resultat des Verzichts auf alle Behandlungsmittel, von denen heute niemand mehr spricht, weil sie selbstverständlich geworden sind. Dabei ist es kein Geheimnis, dass jeder Einsatz von Schönungsmitteln dem Wein immer etwas von seiner Seele nimmt. Es gibt viele seelenlose Weine. Peter Jakob Kühn und Ehefrau Angela sind auf der Suche nach genau dieser Seele. Alles, was draußen im Weinberg wächst, soll später im Wein auch schmeckbar werden, so ihr Credo. Und das ist mehr, als der Duft nach reifer Aprikose oder Ananas. Die unzähligen Helferchen zur Most- oder Weinbehandlung, die die Getränketechnologie anbietet, sucht man bei den Kühns vergeblich. Jene Segen bringenden Mittel, die einerseits alles eliminieren, was als Fehlton bezeichnet wird und andererseits notwendig sind, um Weine anzubieten, die weniger als drei Euro kosten. Tatsächlich liegt der durchschnittliche Verkaufpreis einer Flasche Wein in Deutschland unter drei Euro. Umso erfreulicher, dass eine Vielzahl deutscher Winzer den Mut hat, ebenso ausdrucksstarke wie eigenständige Weine zu erzeugen.

Das Weinland Deutschland bietet mit seiner Vielzahl unterschiedlicher Gesteinsformationen großartige Voraussetzungen für charaktervolle Weine. Viele Winzer haben das erkannt und ihre Bewirtschaftung auf eine naturnahe, ökologische oder biodynamische Arbeitsweise umgestellt. Der leidenschaftliche Weinmacher Roman Niewodniczanski vom Saar-Weingut "Van Volxem" ist einer von ihnen. Seit seinem Debütjahrgang 2000 stellt er seine gesamten Weinberge auf Biodynamie um. Und folgt dabei keinem Trend, sondern allein der Erkenntnis, dass nur im natürlichen Zusammenspiel von Umwelt und Pflanze große Weine entstehen. Seine Weine geben ihm Recht. Komplexe Gewächse, die bei weitem mehr bieten, als üppige, aber auf Dauer langweilige Primärfrucht. Sie sind Ausdruck ihrer Natur. Niewodniczanski beweist auch im Keller eine ruhige Hand.

Um den Lagencharakter seiner Weine zu verstärken, verzichtet er genauso wie Kühn und viele andere kompromisslose Weinmacher auf den Einsatz von Reinzuchthefe. Er vertraut jener Gattung weinbergseigener Weinhefen, die auf den Traubenhäuten sitzen und "spontan" die Gärung einleiten. Doch zahlenmäßig sind sie den so genannten wilden Hefen, die sich ebenfalls im Weinberg tummeln, weit unterlegen. Die Gesamtpopulation der Weinhefen (Saccharomyces cerevisae) liegt nur bei etwa einem Prozent. Nur dieses eine Prozent ist in der Lage, den Zucker im Most mehr oder weniger vollständig in Alkohol umzubauen. Ihre große Chance: Die Konkurrenz der wilden Hefen verträgt nicht viel. Schon bei etwa vier Prozent Alkohol sterben sie ab und überlassen dann den Weinhefen die restliche Arbeit. Das klingt einfach, ist es aber nicht.

Wenn der Wein plötzlich
nach Sauerkraut schmeckt...

Professor Dr. Doris Rauhut, Wissenschaftlerin im Fachgebiet Mikrobiologie und Biochemie der Forschungsanstalt Geisenheim, spricht von einem "erheblichem Risiko", das mit der Spontanvergärung eingegangen werde. Es dauert, wie gesagt, eine ganze Weile, bis die Weinhefen sich so stark vermehrt haben, dass sie das Kommando bei der Gärung übernehmen. Bis es soweit ist, können andere Mikroben den Most negativ beeinflussen: Essigsäurebakterien etwa sind für den gefürchteten "Lösemittelton" verantwortlich, Milchsäurebakterien können den Wein nach Sauerkraut riechen lassen – der "Milchsäurestich". Die Gärtemperatur ist bei der Weinbereitung ein wesentlicher Faktor. Temperaturen unter 15°C fördern die Entwicklung von "wilden" Hefen. Die Wissenschaftlerin empfiehlt für Weißweine daher Gärtemperaturen zwischen 15 und 20°C.

Gesunde Trauben, absolute Hygiene und ständige sensorische und mikrobiologische Kontrollen seien die Voraussetzung für erfolgreiche Spontanvergärungen, so Rauhut. Aber die Garantie für einen "Terroir-Wein" sei das noch lange nicht. Am Ende gehöre auch noch eine Portion Glück dazu, denn jeder Weinberg besitze seine individuellen Hefekulturen, deren Charakter sich von Jahr zu Jahr verändere.

Der Praktiker widerspricht. Bernd Philippi, Pfälzer Spitzenwinzer vom Weingut Koehler-Ruprecht, lässt alle Weißweine spontan gären und hat damit seit vielen Jahren beste Erfahrungen gemacht. Penible Selektion des Leseguts und Ausschuss fauler Trauben seien allerdings nötig. "Sonst hab' ich da keine Probleme", meint Philippi. Dass gelegentlich ein Wein nicht ganz durchgärt nimmt er in Kauf, das sei aber die Ausnahme. Gerade aus solch renitenten Mosten seien schon wunderschöne Weine geworden. Bei den Rotweinen setzt Philippi Reinzuchthefe ein, die will er auf jeden Fall ganz durchgegoren haben. Ansonsten vertraut er seinen Hefestämmen. Die kommen aber nicht nur aus dem Weinberg, sondern haben sich längst auch in seinem Keller und in seinen Fässern eingenistet. Dort warten sie im Herbst auf  neue Beute. Es sind also nicht nur weinbergseigene, sondern kellereigene Hefen, die bei der Spontangärung zum Einsatz kommen – eine eigene Wissenschaft.

Die gängige Lehrbuchmeinung favorisiert nach wie vor die zügige Angärung mit Reinzuchthefen, die speziell für diese Aufgaben gezüchtet wurden. Das Risiko späterer Weinfehler werde so minimiert, und die Alkoholausbeute sei besonders hoch, heißt es. Allerdings kann der Einsatz von nur einer Hefeart später zur Uniformität der Weine führen. Viele Weingüter vergären deshalb ihre Moste mit unterschiedlichen Hefetypen.

Der Markt bietet eine Unzahl verschiedener Präparate an, die sehr viel mehr können, als nur die Gärung einleiten und zügig Alkohol bilden. Nicht ohne Grund wird manche Reinzuchthefe auch als Aromahefe bezeichnet. Sie kann den Geschmack eines Weines grundlegend verändern. Ein von Natur aus zurückhaltender Silvaner kann, mit Aromahefe vergoren, wesensfremde Züge annehmen. Dieser Wein mag dann eine beeindruckende Primärfrucht besitzen, mit einem Silvaner im klassischen Sinne hat er nichts mehr gemein. Die im Jahre 2000 eingeführte Bezeichnung "Classic" soll dem Weinfreund signalisieren, einen Wein aus einer gebietstypischen Rebsorte vor sich zu haben. Doch was nützt das, wenn sie mit Aromahefe vergoren, gar nicht mehr gebietstypisch schmeckt?

Ja, Bauchschmerzen habe sie schon das ein oder andere Mal gehabt, wenn der Wein auch im Frühjahr noch nicht richtig vergoren sei, wie sie sich das gewünscht hätte, sagt Angela Kühn. Aber am Ende wurden ihre Geduld und ihr Mut zum Risiko belohnt. Vielleicht deshalb: Sie haben ihren Wein auf seinem Weg vielmehr begleitet, statt ihn zu erziehen.

 

Erstveröffentlichung in: Slow Food-Magazin, Nr. 4 / 2004

 

08. September 2010

 

 

 

 

 

 

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aktualisiert am 17.03.2007