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Unterwegs in der Weinwelt
Mittelrhein
spektakuläres Riesling-Land und Welt-Kulturerbe Alt, schön, romantisch – und schrecklich preiswert
Er zählt zu den schönsten und dramatischsten Weinlandschaften Europas und ist
doch immer noch das Aschenputtel der deutschen Weinliga: der Mittelrhein.
Trotzig mutet es an, das kleine Weinbaugebiet Mittelrhein. Keine 500 Hektar
groß und in die Zange genommen von den prestigeträchtigen Regionen
Mosel-Saar-Ruwer und Rheingau, erinnert es zuweilen an das Gallische Dorf mit
seinen prominenten Bewohnern. Schade nur, dass es vom Mittelrhein keine Comics
gibt. Da war der Rheingau schneller. Schon 1988 wurde dort ein Comic
veröffentlicht, der an Asterix und Obelix erinnert und mittlerweile elf Bände
zählt, obwohl man ihren Witz kaum mit dem von Gocziny vergleichen kann. Die
erste Ausgabe erzählt von der Entstehung der Spätlese, an der 1775
bekanntermaßen ein Spätlesereiter nicht unerheblichen Anteil hatte. Die
Entstehung der Spätlese schreibt man Schloss Johannisberg zu. Das Schloss gehört
mittlerweile zum Oetker-Imperium und erzeugt immer noch Spätlesen, die ungefähr
so lustig sind wie die Comics vom Spätlesereiter. Der erste Band wurde ins
Englische und Japanische übersetzt. Die Terrasse des Schlosses ist seitdem
größer geworden, Kaffee und Kuchen gibt es auch. Eine trockene Riesling
Spätlese aus Johannisberg kostet etwa 20 Euro, eine vom Mittelrhein nicht mal
die Hälfte, manchmal nur ein Viertel.
Seitdem das Mittelrheintal im Juni 2002 von der Unesco auf die Liste des
Weltkulturerbes gesetzt wurde, scheint sich wenig getan zu haben. Vielleicht
soll sich auch gar nichts tun. Dafür entdeckt man in jeder Weinschänke dieser
wildromantischen Gegend einen großzügigen, meist leicht verstaubten Bildband zu
Loreley und Co. Selbst die freundliche Dame im Tourismusbüro gibt sich ratlos.
Der Mittelrhein schläft, sagt sie. Warum? Die Dame schüttelt den Kopf. Schönheit
braucht viel Schlaf.
Tatsächlich ist der Mittelrhein, jene 120 Kilometer von Bingen bis Bonn, von
einmaliger Schönheit. Mittelalterliche, sagen-hafte Städte, uraltes Fachwerk,
eine herrliche Flusslandschaft und Burgenromantik. Nicht weniger als 40
Bergschlösser und Burgen reihen sich auf einer Stecke von 60 Kilometern wie eine
Perlenschnur auf. Nicht anders als Schloss Johannisberg waren sie die Zentren
der wirtschaftlichen Macht im Mittelalter. Um sie herum bildeten sich bäuerliche
Siedlungen, deren Erzeugnisse Adel und Klerus mästeten. Das war im Rheingau
nicht anders als am Mittelrhein – das Prinzip Feudalismus. Ihre wertvollste
Ware: Wein.
Meine Mittelrheinreise beginnt in Spay, wo Matthias Müller
knapp sieben Hektar im Bopparder Hamm bewirtschaftet, der mit 85 Hektar größten
zusammenhängenden Lage. Das Wort Hamm leitet sich vom Lateinischen "hamus"
ab, was so viel wie Haken bedeutet. Und tatsächlich schlägt der Rhein hier einen
großzügigen Haken. Dadurch gehört der Hamm zu den wenigen Südlagen, die direkt
dem Rhein zugewandt sind. Wie viele Qualitätsphilosophien hier aufeinander
treffen, lässt sich im Frühjahr, bevor das Laub überhand nimmt, schon am Wuchs
der Rebstöcke erkennen: Einzelstockerziehung, "Trierer Rad"-Erziehung,
Drahtrahmenerziehung, äußerst knappe und sehr großzügige Anschnitte direkt
nebeneinander. Hier wächst Tourismuswein gleich neben Weltklasse. Wie viele
andere berühmte Lagen am Mittelrhein, würde es den Hamm heute nicht mehr geben,
wäre er in den 60er und 70er Jahren nicht flurbereinigt worden. Seitdem ist er
moderner Winzertechnik zugänglich und damit wirtschaftlich zu bearbeiten. Diese
Umstrukturierung ging auf Kosten atemberaubender Terrassenlandschaften, aber sie
war notwendig, um den Weinbau am Hamm zu erhalten.
Matthias Müller setzt
auf Qualität und Eigenständigkeit, was man seinen Rieslingen auch anmerkt und
anmerken soll. Sie sind samt und sonders mit natürlichen, weinbergseigenen Hefen
spontan vergoren und bieten ein außergewöhnliches Aromenspektrum. So
unterschiedlich die Menschen, die auf diesem Traditionsgut ein- und ausgingen,
so unterschiedlich sind auch Müllers Rieslinge, obgleich sie alle dem Bopparder
Hamm entstammen. Die 2002er Spätlese der Gemarkung Mandelstein gibt sich
großzügig und vom Schiefer geprägt, während die aus dem Engelstein noch
verschlossen ist und ihr grandioses Potenzial erst andeutet. Zum Geburtstag
hat der bescheidene Winzer ein Barriquefass geschenkt bekommen, in das er
nächstes Jahr einen Grauburgunder legen will. Als Versuch, versteht sich, sonst
setzt der umtriebige Müller ganz auf Edelstahl und auf Riesling. Seine Preise
sind, wie fast überall am Mittelrhein, extrem niedrig. Feinste Spätlesen kosten
gerade mal sechs Euro. Andere Winzer unterschreiten mit ihren Spätlesen sogar
die vier-Euro-Grenze. Bedenkt man den hohen manuellen Aufwand in den Steillagen,
ist das eine ebenso skurrile wie skandalöse Preispolitik. Obwohl man sich als
Weinliebhaber still die Hände reiben könnte – dem Mittelrheins würde das kaum
helfen.
Selbstbewusster sind die Preise des Weinguts Lanius-Knab in
Oberwesel. Jörg Lanius lässt seine Rieslinge im Edelstahl spontan vergären und
dann in großen Stückfässern reifen. Überhaupt will Lanius so wenig wie möglich
eingreifen. 95 Prozent der kellertechnischen Innovationen seien sinnlos, meint
der Vater von drei Kindern. Und tatsächlich scheint sich das Nichtstun
auszuzahlen. Die Strahlkraft seiner Weine stehen mit dem lebendigen Blick des
Winzers in freundschaftlichem Wettstreit. Statt Kaffee am Nachmittag gibt’s
2002er Riesling QbA, dessen packende Säure das Koffein problemlos ersetzt. Wie
unterschiedlich die Weine ausfallen, wenn man auf natürliche Hefen vertraut,
zeigen die Großen Gewächse der Jahrgänge 2001 und 2002. Während der 2001er
Engelhöller Bernstein ein ebenso brillanter wie geradliniger Vertreter ist,
springt der 2002er förmlich aus dem Glas, so opulent und fast tropisch kommt
seine Frucht daher. Statt Kuchen schenkt Lanius zum Schluss eine 2001er
Auslese vom Engelhöller Goldemund aus, die jede Torte blass aussehen lässt. Um
den Mittelrhein würde es besser stehen, gäbe es mehr Winzer von seinem
Schlag.
Bacharach: Stapelrecht und feine Spätlesen aus dem
Hitzesommer
Bacharach war lange das wirtschaftliche Zentrum des
Mittelrheins und hatte "Stapelrecht". Von hier aus wurden die Wirtschaftsgüter
nach Norden verschifft, natürlich auch Wein. Berühmt wurde Bacharach im 17.
Jahrhundert mit dem Feuerwein, einem erhitzten und gewürzten Süßwein. Erst als
das Panschen überhand nahm, begann man im ausgehenden 17. Jahrhundert mit der
Erzeugung von Naturweinen. Da war der Rheingau wieder schneller: Die "kalten
Weine" dieser Region genossen bereits einen hervorragenden Ruf.
Mit
jeweils zehn Hektar befinden sich die beiden bekanntesten Privatweingüter des
Mittelrheins in Bacharach: Jost und Ratzenberger. Peter Jost darf man getrost
als Platzhirsch der Region bezeichnen. Seine Weine sind eine feste Größe auf den
Weinkarten ambitionierter Restaurants – nicht nur in Deutschland. Sie sind
modern und sehr fein gearbeitet. Bei den Gewächsen aus dem Wüstensommer 2003
setzte er auf ein langes Hefelager, um viel Extraktstoffe zu bekommen. Die
2003er Spätlese aus dem Filetstück des Bacharacher Hahns ist genauso
ungewöhnlich wie der Jahrgang. Ihr Spannungsbogen reicht von
Bratapfel-Aromen und Lebkuchengewürzen bis zu reifen gelben
Früchten.
Peter und Linde Jost ist nicht bang um die Zukunft des
Mittelrheins. Die Horrorstatistik, nach der zwischen 1956 und 2003 die
Weinbergsfläche von 1.200 auf weniger als 500 Hektar zurückging, regt hier
niemanden auf. Die Region wird sich gesund schrumpfen, glauben sie und hoffen
gleichzeitig auf eine Zusammenarbeit der Qualitätswinzer. Mit ihrer
"schwimmenden Weinprobe" und dem Engagement bei den "Mittelrhein-Momenten" –
einem Kulturprogramm rund um den Wein – setzen die Josts auch im Tourismus
positive Akzente. Mehr als das bietet ihre 2003er Trockenbeerenauslese aus dem
Bacharacher Hahn. Linde Jost kann sich nicht erinnern, jemals in ihrem Leben
eingetrocknete edelfaule Beeren in einem solchen Ausmaß und von solcher Reinheit
verlesen zu haben. Das schmeckt man: ein himmlisches Gewächs.
Es ist
schon erstaunlich: Beinahe alle Rieslingreben wachsen am Mittelrhein auf
Devonschiefer – ein in Jahrtausenden stark gepresster Tonschlamm. Trotzdem
könnten die Unterschiede der Weine kaum größer sein. Wie sehr sich der Charakter
der Weinmacher in den Weinen widerspiegelt, führt der Mittelrhein auf
spektakuläre Weise vor. Die Parzellen von Jost stehen teilweise direkt neben
denen von Ratzenberger. Doch die Weine sind ganz anders. Obwohl im Weingut
Ratzenberger die jüngere Generation das Zepter schwingt, wirken ihre Weine nicht
moderner. Im Gegenteil: Jochen Ratzenberger junior baut sie auf sympathische
Weise traditionell aus – ob im Holzfass oder Edelstahl, das entscheidet er von
Fall zu Fall. In ihrer Jugend, und die kann Jahre dauern, sind seine Spätlesen
von Hefewürze geprägt und geben ihr Aromenspektrum nur zögerlich preis. Das
2001er Große Gewächs aus der Bacharacher Wolfshöhle zeigt gerade erste Schimmer
seiner Brillanz.
Aus dem Hitze-Jahrgang 2003 hat Ratzenberger
außergewöhnlich feine Rieslinge gezaubert. Ein Kunststück, das ohne jede Zugabe
von Weinsäure gelang. Seine Reben würden sich tief genug in den
Verwitterungsboden bohren, um solche Sommer zu überstehen, erklärt er. Der
2003er Bacharacher Riesling Kabinett ist genau so, wie man sich einen Wein
dieser Qualität wünscht: feingliedrig und elegant. Wie gewohnt, sind die
Rieslinge aus dem Steeger St. Jost kantiger und säureaktiver, aber Säure soll ja
bekanntlich lustig machen. Tatsächlich finde ich diese Weine auf eine sehr
intelligente Art und Weise humorvoll.
Was dem Mittelrhein droht, wenn der
Weinbau weiter zurückgeht, führt das Kulturerbe "Cinque Terre" an der
ligurischen Riviera exemplarisch vor: Lange Zeit prägten dort eindrucksvolle
Weinterrassen das Landschaftsbild. Noch dramatischer als am Mittelrhein werden
sie jetzt aufgegeben und von der Natur zurückerobert. Vermutlich wird es nicht
mehr lange dauern, bis die Unesco die "Cinque Terre" auf die rote Liste setzt. Man kann nur hoffen, dass dem Mittelrhein dieses Schicksal erspart bleibt.
Positive Akzente und herausragende Weine gibt es genug.
Die Weingüter: Müller, Spay, 02628 / 8741 Lanius-Knab, Oberwesel,
06744 / 8104 Jost, Bacharach, 06743 / 1216 Ratzenberger, Bacharach, 06743
/ 1337, www.weingut-ratzenberger.de
Erstveröffentlichung in: Slow Food-Magazin, Nr. 2 / 2004
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08. September 2010


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