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WEINWELT

Drei Musketiere aus der Mittelhaardt

  

Text: Axel Biesler

Bilder: Dirk Meußling

 

Das Leben kann so ungerecht sein. Ohne Worte. „Ohne Worte“, so hieß bis vor kurzem noch eine gutgelaunte Cuvée aus Riesling, Weißburgunder und Silvaner. Kalt vergoren, mit Stelvin verschlossen, sofort zu genießen. Zusammengestellt von drei jungen Winzern mit vielen Ideen. Bei einer Basiscuvée sollte es freilich nicht bleiben. Blieb es auch nicht. Bei weitem nicht.

Doch der Reihe nach: Zwischen Laumersheim und Kallstadt ruht Freinsheim. Der Ort liegt nicht unmittelbar auf der Deutschen Weinstraße. Dennoch spürt das 5000-Seelenstädtchen die Nähe dieser Touristikroute und lebt von ihr. Umschlungen wird Freinsheim von zwei Großlagen: „Rosenbühl“ rechts und „Kallstadter Kobnert“ links. Darin eine Unzahl bedeutender und unbedeutender Einzellagen. Meterweise sich unterscheidende Bodenformationen. Ein Rebsortenspiegel, der sich liest wie die Speisekarte eines Gasthauses, das vom Kaffee am Morgen bis zur mitternächtlichen Gulaschsuppe kein Angebot auslässt. Der Freinsheimer Winzerverein listet unter seinen Klassikern Müller-Thurgau, Morio-Muskat, Kerner, Gewürztraminer und Silvaner. Daneben experimentieren unzählige Winzer mit allem was die Weinwelt heute hergibt: Restsüße Viogniers findet man ebenso wie stramme Syrahs. Modern geprägte Sauvignon Blancs und altehrwürdige Portugieser. Wo sich Laumersheim im Norden und Kallstadt im Süden mit Burgunder und Riesling klare Rebsortenprofile zugelegt haben, geht’s in und um Freinsheim zu wie auf einem orientalischen Basar.

Steffen Rings hing diesem Gedanken schon lange nach. Und da es sich zu dritt kreativer denken lässt als allein, nahm er zwei Freunde mit in sein „Ideenboot“: Thorsten Langenwalter und Ralph Kirchner. Die drei kennen sich seit frühen Kindheitstagen. Bei ihrer Ausbildung zum Weinbautechniker in Bad Kreuznach wurde ihr Kontakt enger, die Gespräche rund um den Wein intensiver. Gut fünf Jahre ist das nun schon her. Alle drei sind junge, aber längst gestandene Winzer. Thorsten Langenwalter, Jahrgang 1977, hat seinen Stützpunkt in Weisenheim am Sand. Das Örtchen gehört zur Verbandsgemeinde Freinsheim. Im elterlichen Betrieb hat er die Verantwortung für den Ausbau der Weine schon lange übernommen. „Meine Eltern haben mich schon sehr früh in die Pflicht genommen. Für neue Ideen waren sie immer offen. Mit allen Konsequenzen“, prescht der selbstbewusste junge Mann vor und fügt hinzu: „Im Weinberg arbeite ich selten. Mein Arbeitsplatz ist der Keller und das Büro“. Langenwalter fühlt sich sichtlich wohl in der Rolle des Chefs. Ganz anders Ralph Kirchner. Sein Zuhause ist Keller und Weinberg zugleich. Von Chef-Allüren keine Spur. Die Arbeit im Weinberg gehört zu Kirchner ebenso wie eine gehörige Portion Respekt vor Veränderungen. Kirchner ist Skeptiker, seine Heimat ein Traditionsgut alter Schule. Steffen Rings ist da außen vor. Das Weingut Rings vermarktet seine Weine erst seit dem Jahre 1999 ab Hof. Bis dahin wurde Fasswein hergestellt. Keine Zeit für Traditionen. Produziert wurde, was der Markt verlangte. Heute genießt Rings seine weinbauliche Freiheit. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit der weißen Aufschrift „Born to make wine“, die anderen bevorzugen uni. Ein bisschen „Neue Welt“ in Freinsheim. Mit einer gehörigen Portion Lokalkolorit.

Dem kunterbunten Rebsortenkonzert eine stilprägende, moderne Phrasierung geben, so könnte man das Ziel dieser drei Pfälzer Wein-Musketiere umschreiben. Doch welche Rebsorten sollten das sein? Ein weiterer Zusammenschluss „junger Wilder“, die sich mit Riesling und Spätburgunder profilieren wollen? „Riesling spielt mengenmäßig in Freinsheim zwar eine große Rolle. Die Qualität jedoch nicht“, erklärt Rings und ergänzt: „Das Kalksteinriff auf dem die großen Rieslinge wachsen, führt an Freinsheim schlicht vorbei.“ Gesucht haben die drei nach Rebsorten, die sowohl Tradition als auch Terroir ihrer Heimat optimal zum Ausdruck bringen. Die Wahl fiel auf Silvaner und Portugieser. Eine gleichwohl traditionelle wie mutige Entscheidung. Traditionell, weil Grüner Silvaner und Blauer Portugieser schon von ihren Großvätern gepflanzt und gekeltert wurden. Mutig, weil der ertragsstarke Portugieser zum Synonym für zuckersüße Rosés und blasse Rotweine verkommen ist, und der Silvaner - zumindest in dieser Region - immer mehr an Bedeutung verliert. Und das zu Unrecht.

Sich mit Silvaner dem Rieslingboom widersetzen, Portugieser gegen den Spätburgunderhype? Starker Tobak! Die Parzellen, die sich die drei für ihre Weine ausgeguckt haben, sind ausnahmslos mit weit über dreißig Jahre alten Reben bepflanzt. Alte Knochen, deren Wurzeln sich tief in das Freinsheimer Terroir gegraben haben. Mit dem Alter ging ihr Ertrag auf natürliche Weise zurück. Die wenigen verbleibenden Trauben können jedoch hocharomatisch sein und einzigartige Weine ergeben. Langenwalter und Kirchner konnten bei ihrer Wahl geeigneter Parzellen aus den Vollen schöpfen. Solange sie denken können, sind Silvaner und Portugieser bei ihnen zuhause. Da musste sich Rings erstmal auf die Suche machen. Alte Portugieserbestände gab es zwar, aber keinen Silvaner. Auf einem Hochplateau, durchbrochen von kleinen Waldstücken und bester Sicht auf Freinsheim, wurde er fündig. Rings pachtete die kleine Parzelle, bepflanzt im Jahre 1968. Ein idealistischer Erwerb, denn der Ertrag dürfte 40 Hektoliter pro Hektar wohl niemals überschreiten. In 600 Liter Fässern aus bester Pfälzer Eiche vergor der Silvaner und reifte der Portugieser. Das Holz dafür stammt aus dem Bereich Pfälzer Wald – Nordvogesen und wurde von der Küferei Michael Gies in Bad Dürkheim weiterverarbeitet. Die Fertigung solcher Fässer hat dort eine fast 150jährige Tradition. Terroir zu Ende gedacht. Ganz bewusst haben sich die drei Jungs dazu entschlossen, ihre Weine auf ganz ähnliche Weise entstehen zu lassen. Dabei ist der Einsatz einer „neutralen“ Reinzuchthefe allerdings unumgänglich. „Die hochreifen Trauben haben hier meist niedrige Säurewerte und einen hohen ph-Wert, da wäre eine Spontangärung einfach zu riskant“, argumentiert Langenwalter. Die Befürchtung, dass die Weine dieser jungen Truppe austauschbar schmecken, stellt sich als völlig unbegründet heraus.

Tatsächlich sind ihnen im Jahrgang 2005 drei Silvaner geglückt, die nicht nur Spiegelbilder ihrer Heimat, sondern auch eindrucksvolle Fingerabdrücke ihrer Macher sind: Kirchners „Nagel“ verfolgt einen traditionellen, fruchtbetonten Stil. Langenwalters „Halde“ wiederum wächst auf Sandsteinböden mit Kiesel- und Kalksteinanteilen, die für Dichte und Mineralität verantwortlich sind. Rings’ Silvaner aus der Einzellage „Diehl“ ist gewiss der Wein, der den deutlichsten Fingerabdruck seines Machers trägt: elegante Röstaromatik und feine Länge. Noch eindrucksvoller fielen die 2005er Portugieser aus, die ob ihrer schieren Kraft und Konzentration in Deutschland ihresgleichen suchen dürften. Dicht, markant und von unglaublicher Nachhaltigkeit Rings’ Portugieser aus dem „Kieselberg“. Kirchners „Schwarze Kreuz“ erinnert zuweilen an das Burgund: kühle Frucht und harzige Würze. Die fruchtbaren Böden der Südlage „Goldberg“ prägen Langenwalters Portugieser. Sicherlich der zugänglichste und saftigste dieser drei Referenzweine.

Es sollte nicht lange dauern, bis diese Weine von Weinenthusiasten begeistert beklatscht wurden. Der Anfang einer Erfolgsgeschichte. Leider nur der Anfang. Fragt man Ralph Kirchner nach seinem Lieblingswein, gibt er unumwunden zu: „Im Summer weiß, im Winder rot“. Da war der Weg, ihrer Wein-Gang einen griffigen Namen zu geben, ein sehr kurzer. Zu kurz. Und der Name derart allgemeingültig, dass man kaum glauben mag, dass sich so etwas patentieren lässt. Lässt sich aber. Die Marke war bereits vergeben. Und da es sich bei seinem Inhaber nicht um einen, sagen wir einmal, Fußballverein handelt, sondern um eine Marke, die für vergleichbare Waren eingesetzt wird, gilt ein Unterlassungsanspruch. Das 2006er Silvanertrio war zu diesem Zeitpunkt schon abgefüllt, Etiketten bestellt, Broschüren gedruckt und Promotionstouren in der Planung. Alles auf Anfang. Was nun Herr Rings? „Es gibt ein neues Projekt! Zunächst mit Basiscuvées. Jedes Weingut macht eine Weißwein-, eine Rosé- und eine Rotweincuvée. Die Rebsorten stehen noch nicht fest, aber es wird immer auch eine traditionelle Rebsorte dabei sein.“ Bei der Namensgebung lassen sie sich Zeit. Verstärkung haben die drei Pfälzer Musketiere indes schon bekommen und treten mit ihrem neuen Projekt von nun an als Quartet auf. Und man kann nur hoffen, dass den Basiscuvées recht bald wieder derart eindrucksvolle Terroirweine folgen werden, wie wir sie schon probieren durften. Und schließen hoffnungsfroh: Bange machen gilt nicht!

 

 

 

Die Weingüter:

 

Weingut Rings
Steffen Rings
Dürkheimer Hohl 21
67251 Freinsheim
Tel. 06353 / 2231
Fax. 06353 / 915164
www.weingut-rings.de

 

Weingut Langenwalter
Thorsten Langenwalter
Bahnhofstraße 45
67256 Weisenheim am Sand
Tel. 06353 / 7390
Fax. 06353 / 4152
www.weingut-langenwalter.de

 

Weingut Kirchner
Ralph Kirchner
Korngasse 14
67251 Freinsheim
Tel. 06353 / 1838
Fax. 06353 / 4471
www.weingut-kirchner.de

 

Weingut Krebs (neu)
Großkarlbacher Straße 10
67251 Freinsheim
Tel. 06353 / 3149
Fax. 06353 / 1012
www.weingut-krebs.eu

 

 

 

Erstveröffentlichung in:
http://www.gaultmillau.de/magazin/ausgabe0208.htm

 

 

08. September 2010

 

 

 

 

 

 

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aktualisiert am 08.07.2008