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KAMPF DER KULTUREN (reloaded)

von Axel Biesler

Original Griechischer Sahnejoghurt

Total

Fage

Athen / Griechenland

 

VERSUS

 

Frischer Joghurt Mild

Weihenstephan

Freising / Bayern

 

Nein, Neophobiker waren wir in aller Vergangenheit nicht. Wie sonst hätte es passieren können, dass sich ein Käse namens Roquefort als Delikatesse etablierte? Aus seiner Entstehungsgeschichte modellierte man diese nachvollziehbare Story: ein junger Hirte verlor einst beim Anblick einer holden Maid glatt seinen Appetit, ließ Schwarzbrot und dickgelegte Milch kurz entschlossen in einer Höhle zurück, um sich an die Fersen der unbekannten Schönen zu heften. Wochen später kam er an diese Stelle zurück. Hungrig war er. Doch diesmal war der Hirte ohne Brot und dicker Milch gekommen, aber vielleicht mit der Hoffnung, er würde beides unversehrt wieder finden (das mit der Frau hat vermutlich nicht funktioniert). Was er fand, war ein ziemlich unansehnliches Stück hart gewordene Milch. Der Hunger trieb es rein. Es schmeckte delikat. Der Roquefort war geboren, und der Hirte wurde zum Helden (und das mit den Frauen hat dann auch besser geklappt).

Den, die, das Joghurt (Joghurt ist artikelunempfindlich) haben vermutlich die Thraker (6. bis 4. Jhd v. Chr.) auf der Balkanhalbinsel – wie unser Hirte – zufällig erfunden. Die sollen nämlich stets ein Lammfellsäcklein mit Milch am Körper getragen haben. Da wurde die Milch natürlich zufühlens wärmer. Die Milchsäuregärung setzte ein. Bei der Fermentation von Naturjoghurt spielen Bakterienkulturen die entscheidende Rolle. Früher, als man noch abhängig von Außentemperaturen war, setzten sich diejenigen Kulturen durch, die mit dem jeweiligen Klima am besten zu recht kamen. Denn es sind jene Bakterienkulturen, die am Ende den säuerlichen oder milden Geschmack eines Joghurts prägen. In unseren Breiten haben sich da diejenigen Kulturen durchgesetzt, die für einen milden Geschmack verantwortlich sind. Und daran sind nicht die Joghurtkulturen schuld, sondern unsere Geschmackskultur, die es halt soft und weich mag.

Manche Hersteller betreiben heute eine ziemliche Geheimniskrämerei, welche Kulturen das im Einzelnen sind. Keine Geheimniskrämerei betreibt die griechische Firma Total. Auf ihrer Seite www.totalgreekyoghurt.com werden die Kulturen beim Namen genannt. Lactobacillus bulgaricus und Streptococcus thermophilitus sind Kulturen, die für eine erfrischende Säure in einem Joghurt sorgen, die auch Basis des indischen Lassi und türkischen Ayran sind.

Eine andere Marketingstrategie verfolgt die bayrische Firma Weihenstephan (www.molkerei-weihenstephan.de). „Die Rezepte, die die Grundlage dafür sind, warum unsere Produkte so gut schmecken, werden natürlich nicht verraten. Das bleibt unser Geheimnis“, liest man auf ihrer pompösen Internetseite. Leider löst ihr Joghurt dieses Versprechen nur in Teilen ein. Er ist von recht flüssiger Konsistenz, aber angenehm cremiger Textur. Geschmacklich ist dieser Naturjoghurt etwas mutlos geraten: die Säure kommt arg zurückhaltend daher, und sein milder Geschmack verfliegt schnell. Total Joghurt schmeckt anders, wenn man das Frischhalteplättchen vorher entfernt hat, sogar richtig gut. Der Joghurt ist von geradezu fetter Konsistenz, aber wiederum cremiger Textur (das vorherige Schütteln oder Rühren der Joghurts wurde bei dieser Probe tunlichst unterlassen). Total hat eine zarte, erfrischende Säure, die seinen mächtigen Körper überraschend schlank wirken lässt. Sein Geschmack ist lang anhaltend, mit einem leicht salzigen Nachhall. Für Diätfanatiker ist Total freilich nichts. Sein Fettgehalt liegt bei griechisch typischen 10%. Weihenstephan folgt dem Trend, statt dem Geschmack: 3,5% schlagen nur unwesentlich an. Nun mag man einwenden, dass Fett ein Geschmacksträger ist und dieser Vergleich in etwa soviel wert war, wie ein Boxkampf zwischen einem Welter- und einem Schwergewicht. Einwand stattgegeben. Neuer Kampf. Weihenstephan produziert nämlich auch in der Schwergewichtsklasse. Ihr Frischer Rahmjoghurt bringt stattliche 10% Fett auf die Wage. Das Fett allein scheint seinen Machern aber noch nicht gereicht zu haben, damit es auch bis zur letzten Runde reicht, wurde er mit 5% Traubenzucker gedopt. Und reicht’s? Nein, es reicht nicht. Auch das Schwergesicht bleibt mutlos, wird durch den zugefügten Zucker gar noch schlaffer im Geschmack, die ohnehin schon arg zurückhaltende Säure nochmals abgepuffert. Zurück bleibt ein Joghurt, der trotz stattlichen Körpers nicht viel zu bieten hat. Technischer KO.

 

08. September 2010

 

 

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