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Unterwegs in der Weinwelt

Foodtuning by Sven Elverfeld

von Axel Biesler

 

Mit den dollsten Autos kam er früher immer auf den Wirtschaftshof vom Schloss Johannisberg gedonnert. Tuning, so scheint’s heute, fand Sven Elverfeld schon damals klasse: Aus einem niedlichen Corsa eine handliche Waffe gebastelt (und ich meine WAFFE, keine Pappmachespoiler) und dann mit meinem Vater Tafelspitz in Spätburgunder und Lammragout gekocht. Da war nix mit Tuning. Feinbürgerliche Küche war angesagt. Die solide Küche, das war vielleicht schon damals Elverfelds Sache nicht. Und weil mein Vater dem Tuning in der Küche entsagt hatte, musste er sich halt anderswo abreagieren. Vergaser aufsägen. Karosse tiefer legen. PS-Ballistik. Fünfzehn Jahre ist das nun her. Mindestens. Peu a peu verlegte Elverfeld seine Leidenschaft fürs Tuning von der Karosse in den Kochtopf. Und wie! Heute zählt Sven Elverfeld zu den allerbesten Köchen in Deutschland. Im Jahre 2000 wurde er Chef de Cuisine im Restaurant AQUA im Ritz-Carlton Wolfsburg. Nur ein Jahr später feierten er und seine Mannschaft die ersten großen Erfolge in der Champions League der Gastrokritik.

Am 28. Mai diesen Jahres trafen sie sich wieder, mein Vater und Sven Elverfeld. In Hannover. In der Weinstube. An einem tristen, kühlen Mittag im Spätfrühling. Beste äußere Bedingungen, um Elverfelds kulinarisches Feintuning im Souterrain der Weinstube zu erleben. Aus Bürgstadt kam DER Fürst höchstpersönlich mit seinen Weinen angereist. Da las sich schon auf der Menükarte die eine oder andere Kombination
  zuweilen gewagt. Gewagt? Understatement war das, Herr Fürst. Zum geräucherten Pulpo mit geschmorten Ferkelbäckchen einen zartnervigen 2004er Silvaner Kabinett. Einen Silvaner zu etwas Geschmortem? Das las sich wie ein Länderspiel, das schon vor dem Anpfiff entschieden war. Papier ist geduldig. Der Ball ist rund. Und ein Spiel dauert 90 Minuten. So ist das. Und so war das auch mit dem Silvaner. Den hatte nämlich niemand auf der Rechnung. Das war seine Stärke und führte am Ende zu einem überraschend ausgeglichenen Spiel. Immer wenn man dachte, die Partie würde sich gänzlich in den Strafraum von Pulpo und Ferkelbäckchen verlagern, konterte der kleine Silvaner mit feiner Würze und Spielwitz, gab der Sauce von Sardellen den nötigen Kick und tunnelte munter den geräucherten Pulpo.

Auch die nächste Paarung entpuppte sich homogener, als es die Menükarte erwarten ließ: Jacobsmuscheln mit Pfirsichgelee, Erdnusskrokant und Blumenkohl-Mousseline. Der Trainer von Welt würde da nicht lange fackeln: Gegen eine solche Mannschaft wird Riesling aufgestellt und zwar nicht zu trocken. Und was machte Fürst? Der schickte seinen 2004er Weißburgunder Barrique „R“ aus der Magnum auf den Platz. Das dürfte bitter ausgehen. Alle Weine entstammten übrigens der eigenen Kaderschmiede Centgrafenberg. Und wie erwartet, die Jacobsmuschel spielte frisch auf. Grandioses Kurzpassspiel der Süße vom Gelee mit der knackigen Textur des Krokants. Ein einseitiges Spiel bahnte sich an. Doch je länger es dauerte, desto mehr zeigte der Burgunder nicht nur allerbeste Kondition, sondern auch spielerische Eleganz. Keine vordergründige Effethascherei auf dem Platz, bei der den Spielern schon in der ersten Halbzeit die Puste ausgeht, sondern konzentriertes Spiel aus der Tiefe – bis zum Schlusspfiff. Heureka!

Wenn zwei große Mannschaften aufeinander treffen, nennt man das Spitzenspiel. Wenn der 2000er Frühburgunder „R“ auf Rücken vom Pauillac Lamm mit Bohnen-Chartreuse und Oliven-Ricotta Cannelloni trifft, ist das so eins. Die hohen Erwartungen, die an solche Spiele gestellt werden, üben nicht selten einen lähmenden Druck auf die Mannschaften aus. Zweifellos, große Spieler auf beiden Seiten. Erfahrung, Reife und Diskretion eines großen deutschen Frühburgunders treffen auf butterzartes Lamm aus dem Bordeaux, bestens flankiert vom Bohnentörtchen und einer feinaromatischen Lammjus. Keinen Anschluss fand das talentierte, aber alleingelassene Oliven-Ricotta Nudelröllchen. Der ganz große Kick blieb auch diesmal aus. So ist das halt manchmal, wenn zwei Große aufeinander treffen.

Das Finale indes war grandios. Und das lag vor allem an zwei genialen Einzelspielern: Balletstückchen, die das gesalzene Karamelleis und der 2001er Riesling Eiswein vollführten. Um Tore ging es dabei freilich nicht mehr. Nur ums Vergnügen. Dem Sinn der Sache.

 

 

09. September 2010

 

 

 

 

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aktualisiert am 17.03.2007