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WEINWELT

"Zu des Rheins gestreckten Hügeln,

 

hochgesegneten Gebreiten“, beginnt der damals 65jährige Goethe eines seiner weinseligen Gedichte auf einer Reise durch den Rheingau. Keine andere deutsche Weinregion in Deutschland kann sich mit einer solchen Vielzahl eindrucksvoller architektonischer und landschaftlicher Kostbarkeiten schmücken wie er. Balkon des Rheingaus und die schönste Verspätung der Weingeschichte: Schloss Johannisberg. Gleichfalls wuchtiger wie schicksalhafter Wohnturm und 800jährige Weinbaugeschichte des Geschlechts der Greiffenclaus: Schloss Vollrads. Mondäne Terrasse des Rheingaus und wuchtige Riesling-Aristokratie aus Wisselbrunnen und Marcobrunn: Schloss Reinhartshausen. Die Riesling-Seele steht auf Sehnsucht. Die drei Schlösser schrieben große deutsche Weinbaugeschichte. Dabei ist das Anbaugebiet mit seinen heute rund 3100 Hektar Rebfläche doch recht klein.

Der Moderator stellt sich wiederum einer großen Aufgabe, will er die Weingeschichte dieser drei Häuser unter einen Hut bringen und sie zudem noch einer Riesling-kompetenten Gästeschar wie der des Fischers in Köln unterhaltsam nahe bringen. Den Mut dazu hatte Paul Nauwerk, Weinakademiker und Rheingauenthusiast. Erstmalig führte er die Weine der drei Schlösser zu einer großen Probe am 5.Mai zusammen. Eine Premiere. Und eine gelungene dazu. Ein Aperitif-Parcours zündete die Lunte eines spektakulären Riesling-Feuerwerks. Von überraschend mineralischer Statur, bewies ein 2005er Schloss Reinhartshausen Classic gleich zum Auftakt seine Harmoniebedürftigkeit zu gebratener Garnele und asiatischem Gemüse. Doch muss es bei der Kombination von Riesling und Speise immer Asien sein?

Kann, muss aber nicht. Das dachte sich auch Küchenchef Gregor Schuber, der in der Folge seines Menüs auf asiatische Elemente konsequent verzichtete. Ein 2005er Riesling Kabinett feinherb vom Schloss Johannisberg paarte sich wundervoll zu gezupftem Ochsenschwanz und frisch geriebenem Rettich. Und einmal mehr zeigte sich, dass gerade gereifte Gewächse ganz prächtige Speisebegleiter sein können: Als wahrer Alleskönner präsentierte sich eine 1993er Spätlese vom Schloss Vollrads, die sowohl mit gebratenen Jacobsmuscheln und Limonenschaum, als auch – und das überraschte dann doch – mit Spanferkelrücken und Selleriesenfgemüse bestens zurechtkam. Da mussten selbst die dazu präsentierten Ersten Gewächse des Jahrgangs 2005 hinten anstehen.

Immer wieder gönnte Nauwerk dem Riesling ein Solo. Aufschlussreich ein Flight mit drei Grünlack Spätlesen vom Schloss Johannisberg aus den Jahren 1971, 2000 und 2005: Ansteigende Restzuckergehalte bei vergleichbaren Alkoholgraden dokumentierten, dass der Klimawechsel auch im Weinbau längst angekommen ist. Den Hochgenuss der 1971er Spätlese konnte diese Erkenntnis indes nicht schmälern. Entenstopfleberterrine mit Birnenkompott: Steilvorlage für die Edelsüßen! Bestens in Form, eine 1976er Auslese aus dem Wisselbrunnen vom Schloss Reinhartshausen. Schon arg entwickelt, eine 1989er Auslese Marcobrunn (ebenfalls Reinhartshausen), wenngleich sich zusammen mit dem Gericht eine delikate Kombination ergab. Der Weg zur Harmonie von Käse und Wein  führt nicht selten über ihre Gegensätze. Eindrucksvoll belegten dies zwei 2005er Beerenauslesen vom Schloss Johannisberg und Reinhartshausen. Die Weine wurden feinwürziger. Rotschmier- und Blauschimmelkäse verloren ihre vordergründige Schärfe.

Die epische Breite seiner weingeschichtlichen Ausführungen verstand Nauwerk durch mehrfache Rezitation des anfangs erwähnten Goethegedichts immer wieder aufzulockern, dessen Interpretation er im Verlauf durchaus zu variieren wusste. Zur großen Freude seiner weinseligen Zuhörer.

 

Axel Biesler

 

08. September 2010

 

 

 

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aktualisiert am 12.07.2007