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Vom Klären und Lüften

von Axel Biesler

 

Michel Rolland ist ein gefragter Mann. Im Film von Jonathan Nossiter „Mondovino“ sieht man ihn fortwährend, wie er durch die Weinlandschaften des Pomerol chauffiert wird. Rolland ist das, was man wohl am besten mit einem „driven Winemaker“ beschreibt. Den wirtschaftlich arg gebeutelten und der eigenen Identität verlustig gegangenen Châteaus gibt er önologische Ratschläge auf Honorarbasis. Sein liebstes Kind unter den unzähligen kellertechnischen Kniffen, so wenigstens macht uns der Film glauben: Mikrooxigenieren! Dass Sauerstoff Einfluss auf den Wein hat, ist keine Neuigkeit. Das Zitat, „es ist der Sauerstoff, der den Wein macht“, stammt aus dem Jahre 1860 und wird Louis Pasteur zugeschrieben. Das Verfahren wird vor allem bei Rotweinen im Edelstahl eingesetzt. Es beschleunigt die Reife durch kontrollierte Dosagen von Sauerstoff und simuliert so den Ausbau eines Rotweines im Eichenfass. Tannine werden geglättet, die Farbe auf hohem Niveau stabilisiert. Rotwein aus dem Sauerstoffzelt.

Seltsam anachronistisch mutet da ein Procedere an, das mit dem Begriff Dekantieren – nicht ganz korrekt, aber immerhin allgemein im deutschen Sprachraum akzeptiert – zwei Ziele verfolgt: Klären und lüften. Das erste ist alt und kann durchaus sinnvoll sein, denn es bedeutet nichts weiter, als die Abtrennung ungelöster Stoffe in einem Flüssigkeitsgemisch mit Hilfe der Schwerkraft und des Umfüllens in ein Dekantiergefäß. Das Prinzip wird bereits bei der Weinherstellung genutzt: Abstich nennt sich der Arbeitsgang, bei dem der Kellermeister den klaren Wein, nach abgeschlossener Gärung, vom Hefelager trennt.

„Fortschrittsverweigerer“ unter den Winzern verzichten bei der Bereitung ihrer besten Weine in der Folge gar gänzlich auf eine maschinelle Filtration und klären sie allein durch Sedimentation. Dass derart bereitete Gewächse nicht immer brillant aussehen, liegt in der Natur der Sache und macht das Dekantieren sinnvoll. Gilt jedoch nur für einen Bruchteil der heute produzierten Weine. Wolfram Siebeck formulierte einmal drastisch: „95% aller Weine sind Gesöff, die können Sie bedenkenlos wegschütten.“
Und er meinte nicht in die Karaffe. Sebastian Georgi, Chefsommelier im Restaurant Dieter Müller in Bergisch Gladbach bestätigt: „Sinn macht das Dekantieren nur bei hochwertigen Weinen.“ Es hilft nichts. Nur wer über den Entstehungsprozess seiner Kellerschätze weiß, kann am Ende entscheiden, ob das Umgießen in eine Karaffe sinnvoll ist oder nicht. Dennoch, der Sommelier sollte sich bei seinen Empfehlungen zurücknehmen und auf den Wunsch des Gastes eingehen. Der Universalgelehrte Sir Wilfried Gowers-Round (1855-1945) formulierte einmal zehn Regeln für Kellner, deren sechste folgendes besagte: „Kellner sollten niemals unaufgefordert Ratschläge erteilen.“ Etwas entspannter sieht das ein Restauranttester heute: „Ein sehr guter Sommelier sollte seine eigene Begeisterung für den Wein auf den Gast übertragen. Er sollte unterrichtend, aber niemals belehrend sein.“

Allein mit der Theorie ist es jedoch nicht getan. Hochwertige Weine werden in aller Regel liegend gelagert. So zärtlich man diese Flaschen auch aus dem Regal zieht, zu Aufwirbelungen kommt es dabei unweigerlich. Im Oxford Weinlexikon empfiehlt Jancis Robinson „die zu dekandierende Flasche 24 Stunden vor der Prozedur – bei Weinen mit sehr starkem Depot vorzugsweise sogar länger – aufrecht stellen, damit sich das Depot am Boden absetzen kann.“ Das ist nicht nur eine unbarmherzige, sondern auch unrealistische Empfehlung. Dem Lüneburger Weinjournalisten Stephan Reinhardt ist derartiger Spökes völlig fremd: „Meistens ist es eine ganz spontane Entscheidung, welche Flasche ich öffne. Da habe ich nicht viel Zeit zu dekantieren.“ Wovon der Profiverkoster hier berichtet, ist auch dem Gast im Restaurant nicht fremd. Er hat einen Wein bestellt und möchte ihn möglichst schnell in seinem Glas wieder finden. Für ein totales Absetzen der Partikel bleibt in der Praxis keine Zeit. Silvio Nitzsche, Weinhändler und Sommelier, rät zu folgendem Kompromiss: „Sobald sich beim vorsichtigen Dekantieren über der Kerze die erste Trübung im Flaschenhals zeigt, sollte die Flasche abgesetzt werden. Der größte Teil des Weines befindet sich nun in der Karaffe und kann ausgeschenkt werden. Dem Rest in der Flasche bleibt ausreichend Zeit, sich abermals zu klären und kann dann nochmals dekantiert werden.“ Dass der servierte Wein selbst dann noch nicht blitzblank ist, wertet Nitzsche als Qualitätsmerkmal und ergänzt: „Nicht ohne Grund hat sein Winzer auf das Filtrieren verzichtet. Die feinen Trubteile tragen zum komplexen Geschmack eines solchen Weines bei.“


Anders verhält es sich bei wertvollen gereiften Rotweinen. Michael Broadbent schreibt dazu in seinem Buch „Weine prüfen, kennen, genießen (Hallwag Verlag): „Der durch Lagerung ausgefällte Gerb- und Farbstoff kann den Geschmack eines Weines bis zur Ungenießbarkeit beeinträchtigen!“ Recht hat er. Hinzu kommt, dass derartiger Bodensatz (Dépot fix) recht bissfest ist, bitter schmeckt und einen unästhetischen Eindruck im Glas hinterlässt. Jahrgangsgewächse, die 20 oder gar mehr Jahre alt sind, können ganz unterschiedlich auf die plötzliche Zufuhr von Luftsauerstoff reagieren. Die vor Oxidation schützende freie SO2 ist zum großen Teil vom Wein aufgebraucht, und der Wein seiner neuen Umgebung somit weitgehend schutzlos ausgeliefert. Reifem Bordeaux aus einem sehr guten Jahr, mit reichlich Extrakt und einem stabilen Tanningerüst, dürfte der plötzliche Luftkontakt dennoch nicht viel anhaben. Vorausgesetzt er konnte unter optimalen Bedingungen reifen und wird erst kurz vor dem Servieren dekantiert. Je älter der Wein, desto eher gibt es aber auch Lücken in seiner Biographie. Also auch Zweifel an einem optimalen, gleichmäßigen Reifeprozess. Hinweis auf eine ungenügende Lagerung kann der Raum in der Flasche sein, der nicht mit Wein gefüllt ist, der so genannte Ullage-Pegel. Je niedriger der Füllstand, desto größer die Gefahr, dass der Wein seinen Höhepunkt bereits überschritten hat. Ausnahmen, wie alte Vintage Ports bestätigen diese Regel. Von einem guten Füllniveau spricht man, wenn hochwertige Weine, die älter als 30 Jahre sind, noch bis zur Schulter gefüllt sind.

Melanie Wagner, leitende Sommelière im Restaurant Schwarzer Adler in Oberbergen, rät alte Weine generell in eine so genannte „Ente“ zu dekantieren und erklärt: „Der Wein plätschert nicht in das Gefäß, sondern er gleitet. Die Luftspiegelfläche ist nicht zu groß und der Wein kann sich durch einen langsamen Atemzug an seine neue Umgebung gewöhnen.“ Silvio Nitzsche lässt sich zu Emphasen hinreißen: „Stellen Sie sich vor, Sie wären so ein Wein. Reifen langsam im dunklen Keller. Nach zwanzig Jahren kommt so ein Unwissender daher, reißt ohne Vorwarnung die Tür auf und knipst die Scheinwerfer an. Dass Ihnen diese Situation sehr viel Freude bereitet, glaube ich nicht.“

Dass die Zufuhr von Sauerstoff den Geschmack eines Weines positiv beeinflussen kann, macht sich die moderne Kellertechnik heute zu Nutzen. Vor allem beim Rotwein sind es die Polyphenole, die prägend sind für Farbe und Geschmack. Sie finden sich in der Beerenschale und in den Kernen der Trauben. Nach deren Extraktion werden mit Hilfe regelmäßiger Dosen von Sauerstoff die Polyphenole angeregt, sich zu größeren Molekülen zu vereinigen, die im besten Fall zu einem weicheren und volleren Geschmacksbild führen. Polymerisation nennt sich dieser Zusammentritt von mehreren Molekülen zu neuen Verbindungen. Ob es beim Dekantieren eines Weines ebenfalls zu solchen Polymerisationen kommt, vermag selbst der Polymerforscher Professor Thomas Vilgis vom Max-Planck-Institut in Mainz nicht zu sagen: „Dass das Belüften des Weines Auswirkung auf seinen Geschmack hat, ist unbestritten. Ob der Grund dafür auch in der Polymerisierung der Polyphenole zu suchen ist, darüber gibt es schlicht noch keine Untersuchungen.“ Ulrich Fischer, Professor für Weinbau und Önologie in Neustadt an der Weinstraße ergänzt: „Beim Verfahren der Mikrooxigenierung wird den Weinen über Monate hinweg Sauerstoff in kleinen Dosen zugeführt. Beim Dekantieren wird der Wein schnell und mit viel Sauerstoff versorgt, wovon die allermeisten Weine profitieren.“ Diese Veränderungen passieren jedoch alle auf molekularer Ebene und seien analytisch schwierig zu messen, so Fischer weiter. Grundsätzlich positiv wirke sich das Belüften auf reduktiv ausgebaute Weißweine aus. Bei jungen Rotweinen, seien es vor allem tanningeprägte Gewächse, denen das Belüften gut tut, argumentiert Fischer.

In Zeiten, da viele Winzer auch ihre besten Weißweine mit Alternativverschlüssen versehen, kommt dem Dekantieren in Zukunft womöglich eine noch größere Bedeutung zu. Was zunächst widersprüchlich klingt, ist durchaus sinnvoll: Der Reifeprozess eines Weines mit Stelvin-Verschluss dürfte sich von dem eines mit Naturkorken verschlossenen Weines grundsätzlich unterscheiden. Zwar weiß man im Moment noch zu wenig über das Reifeverhalten solcherart verschlossener Weine, doch wird gemutmaßt, dass ihr reduktiver Charakter stärker und über einen längeren Zeitraum hinweg ausgeprägt ist. Die Karaffenform spielt dabei keine Rolle, wie Professor Fischer erklärt: „Ist die höchstmögliche Menge von Sauerstoff einmal im Wein, spricht man von einer gesättigten Lösung. An dieser Tatsache auch ändert die Karaffenform nichts.“

Nicht nur die Verschlusstechnik wird sich in Zukunft womöglich grundlegend ändern, auch der offene Ausschank hochwertiger Weine gewinnt an Bedeutung. Solche Schätze in den Keller zu legen, um dann Jahre auf ihre Trinkreife zu warten, können sich immer weniger Gastronomen leisten. Wenn solche Weine schon in ihrer Jugend zum Ausschank kommen (müssen), ist das Dekantieren oft eine notwendige Maßnahme. Je größer die Auswahl offener Weine, desto größer das Risiko der Oxidation. Zwar überstehen die meisten hochwertigen Weine einige Tage problemlos in der Karaffe, besser aber werden nur die wenigsten.

Letztlich geklärt ist beim Dekantieren nur das, was das französische Wort auch bedeutet: das Abklären einer Flüssigkeit von seinen Feststoffen. Das Belüften hingegen ist eine Methode, die noch keine eindeutigen Schemata zulässt. Gerade hochwertige Weine, bei deren Entstehung ihre Winzer nur sehr sensibel eingegriffen haben, reagieren auf Luft sehr differenziert. Tabellen, aus denen hervorgeht, ob von einer Belüftung zu- oder abzuraten ist, wären ungefähr so nützlich wie Jahrgangstabellen, die über die Güte der Weine im Allgemeinen Auskunft geben wollen. Wie könnten sie das? Wein bedeutet Individualität. Dieser Ausdruck zu verleihen und dem Gast nahe zu bringen, gehört zu den wichtigsten Aufgaben eines engagierten Sommeliers.

 

 

Veröffentlichung in:
www.finestfinance.com
Issue 01/07

 

08. September 2010

 

 

 

 

 

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