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WEINE
2005 Cuvée Roi Patriote Vin de Pays de Montferrand Domaine Mas de Martin Languedoc-Roussillon
Der
wohlgenährte Herr auf dem Etikett wirft Fragen auf: Unstreitbar dass das, was
er da auf dem Haupt trägt eine Jakobinermütze ist. Die schmucke Kopfbedeckung –
auch Phrygische Mütze genannt – wurde ursprünglich von den antiken Phrygern
getragen. Sie bestand aus einem gegerbten Stier-Hodensack und sollte die
besonderen Fähigkeiten des Tieres auf seinen Träger übertragen. Na gut. In der
Neuzeit, und jetzt wird es interessant, war die Jakobinermütze Ausweis
politischer Bekenntnis: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der Jakobiner während
der französischen Revolution. Dass unser dicker Mann auf dem Etikett seine
Mütze nicht vorschriftgemäß mit nach vorne geschlagenem Zipfel trägt, wollen
wir ihm nachsehen. Denn allem Anschein nach setzt er gerade zu einem Schluck
aus der Flasche (1787er Lafite?) an – da wäre der Zipfel im Gesicht ohnehin nur
lästig.
Für
Irritation indes sorgt sein Beinkleid, denn er trägt eine Kniebundhose (Culotte).
Der sozialrevolutionären Bewegung, den Sansculotten (ohne Kniebundhose) gehörte
er demnach nicht an. Doch die Culotte war die bevorzugte Hose der Adligen. Na
nu? Ein Revoluzzer mit adliger Hose? Oder ein Adliger, den die Sansculotten
(wie Ludwig den XVI.) dazu zwangen, sich eine Jakobinermütze aufzuziehen? Am
Ende Ludwig der XVI. selbst, mit aufgesetzter Mütze? Eine gewisse Ähnlichkeit
zwischen dem König (siehe Bild) und unserem Dicken besteht durchaus. Und
besonders zuversichtlich blickt der auch nicht drein. Oder doch nur ein Bürger mit gewöhnlicher Culotte
aus Leinen und nicht aus adligem Samt oder Seide: ein korpulenter Revolutionär,
der sich - trotz aller Irrungen und Wirrungen dieser Zeit – Genuss stets
leisten konnte und dies nun auch offen zeigte?
Und
der Wein? Großartig! Voller Saft und Kraft. Kein Ausbund an Eleganz, will er
auch gar nicht sein, sondern eine überaus üppige und würzige Cuvée aus Merlot,
Grenache, Syrah, Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon und Tannat: ein Sansculotte!
Aber alles andere als ein ausgezogener Wein. Ungezogen passt besser. Kein Wein,
der sich dem durstigen Trinker erst über Unwege in die Konstellationsforschung
erschließt. Seine sympathische Üppigkeit schmeckt – und das sobald der Korken
raus ist.
Christian
Mocci, sein Winzer, ist Quereinsteiger. Bevor er das Gut Mitte der 90er Jahre
übernahm, lehrte er Geschichte und Geographie. Die Bewirtschaftung seiner etwa
20 Hektar umfassenden Rebfläche erfolgt nach den Grundsätzen der biologisch-dynamischen
Landwirtschaft. Seine Weine werden weder filtriert noch geschönt. Anders als
bei unserem Dicken, kann man sich bei Christian Mocci sicher sein: Ein Sansculotte
unter den Winzern. „Cuvée Roi Patriote“ – der König der Patrioten. Sein Winzer
ein Historiker. „Vive la Nation“, wie es aus dem Mund unseres dicken Genießers
steht.
Bezugsquelle und Preis:
Erstveröffentlichung „Häuptling Eigener
Herd“, Nr. 30, 2007
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08. September 2010


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